"Ich würde vielleicht denken, früher oder später werden die Eltern doch erfahren, wie ihre Söhne sind, und für die Jungen selbst wäre es heilsam, wenn der Betrug nicht ohne Strafe für sie hinginge. Überdies ist ja immerhin die Möglichkeit, daß wir einen falschen Verdacht haben und das Geld vergessen oder verloren wurde, obwohl ich mir dann die unwahre Aussage der Söhne über die verschobene Abreise nicht erklären könnte. Die hundert Mark sind uns auch gar so nötig."
"Also du würdest schreiben, Cäcilie?"
Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiß nicht, ich würde meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfäffling noch eine Weile überlegend auf und ab. Die Augen seiner großen Kinder folgten ihm mit Spannung. Sie waren alle empört über den Betrug, der an ihrem Vater begangen war, hatten alle den Wunsch, der Vater möchte schreiben. Aber sie wagten nicht, darein zu reden. Nun machte der Vater halt, blieb vor der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert Mark lassen sich verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen das kleinere Übel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem Wort: Den Nächsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den russischen General ungeschrieben.
Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefaßt. In ihrem kalten Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto beisammen und schrieben an die Söhne des Generals. Ihrer Entrüstung über die schnöde Handlungsweise gaben sie in kräftigen Worten Ausdruck, den Edelmut des Vaters, der aus Rücksicht auf den General diesem die Schandtat nicht verraten wollte, priesen sie in begeisterten Worten, schilderten dann die vielen Entbehrungen, die die Eltern sich auflegen mußten, wenn eine so große Summe wegfiel, und wandten sich am Schluß mit volltönenden Worten an das Ehrgefühl der jungen Leute mit der Aufforderung, das Geld zurückzuerstatten. Otto mußte mit seiner schönen, schulgemäßen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und dann setzten alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an Feodor, den älteren der beiden Brüder, die Berliner Adresse hatten sie gelesen, es fehlte nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur Schule konnte er in den Schalter geworfen werden. Mit großer innerer Befriedigung legten sie sich nun in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin mußte das Geld zurückkommen, an dem Erfolg war gar nicht zu zweifeln, und welche Überraschung, welche Freude mußte das geben!
Es ist aber merkwürdig, wie die Dinge bei nüchternem Tageslicht so ganz anders erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brüder am nächsten Morgen auf dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum lassen wir eigentlich den Vater unsern Brief nicht vorher lesen?" Wilhelm und Otto wußten Gründe genug. "Weil sonst keine Überraschung mehr dabei ist; weil die Eltern so ängstlich sind und keinen Verdacht äußern wollen, während doch alles so klar wie der Tag ist; weil der Vater die schönsten Sätze über seinen Edelmut streichen würde; weil dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts würde; nein, wenn man wollte, daß der Brief abging, so mußte man ihn heimlich abschicken, nicht lange vorher fragen."
Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf er den Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber die Brüder drangen in ihn: "Jede Überraschung muß heimlich gemacht werden, sonst ist's ja keine; du bist immer so bedenklich und ängstlich, was kann denn der Brief schaden? Gar nichts, im schlimmsten Fall nützt er nichts, aber schaden kann er nichts, das mußt du selbst sagen." Karl wußte auch nicht, was er schaden sollte, und dennoch wollte er durchaus auch beim zweiten Schalter den Brief nicht herausgeben. "Die Eltern sind immer so sehr gegen alles Heimliche," sagte er, "und es ist wahr, daß schon oft etwas schlimm ausgegangen ist, was wir heimlich getan haben. Ihr habt gut reden: wenn die Sache schief geht, heißt es doch: Karl, du bist der Älteste, du hättest es nicht erlauben sollen." Allmählich brachte er mit seinem Bedenken Otto auf seine Seite, nur Wilhelm blieb dabei daß sie ganz übertrieben ängstlich seien, und machte bei dem dritten und letzten Schalter einen Versuch, Karl den Brief zu entreißen. Es gelang aber nicht, und da nun Schulkameraden sich anschlossen, mußte die Schlußberatung auf den Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben war: sie wollten der Mutter von dem Brief erzählen, wie wenn dieser schon abgeschickt wäre. Hatte sie dann nur Freude darüber, dann konnte man ihn ruhig einwerfen, hatte sie Bedenken, so konnte man ihn vorzeigen. So wurde Frau Pfäffling zugeflüstert, sie möchte nach Tisch einen Augenblick in das Bubenzimmer kommen. Dort fand sie ihre drei Großen, die ihr nun ziemlich erregt und meist gleichzeitig von dem Brief erzählten, den sie gestern noch bei Nacht geschrieben, an den jungen Feodor adressiert und heute morgen auf dem Schulweg mitgenommen hätten. Die kräftigen Ausdrücke der Verachtung gegen die Handlungsweise der jungen Russen und die Beschwörung, das Geld zurückzuerstatten, wurden fast wörtlich angeführt.
Im ersten Augenblick hörte Frau Pfäffling mit Interesse zu, aber dann veränderte sich plötzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast entsetzt auf die drei Jungen und wurde ganz blaß. Sie erschraken über diese Wirkung und verstummten.
"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr auch an Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in die Hand, die Söhne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel, sondern in der Erziehungsanstalt und das könnt ihr glauben, der General übergibt keinen Brief mit fremder Handschrift an seine Söhne, ohne ihn zu lesen. Nun erfährt er durch euch auf die schroffste Weise eben das, was der Vater vor ihm verbergen wollte. Es ist unverantwortlich, euch so einzumischen in das, was euch nichts angeht!"
Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins Wort fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfäffling war nicht begierig, Entschuldigungen zu hören, und anderes glaubte sie nicht erwarten zu können. Da drückte ihr Karl den Brief in die Hand und rief: "Fort ist der Brief noch nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch nicht so!"
"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfäffling, "habt ihr nicht gesagt, er sei schon abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es wäre mir schrecklich gewesen für den Vater, für den General und auch für euch, denn wir hätten nie mehr etwas in eurer Gegenwart besprochen, hätten alles Vertrauen in euch verloren, wenn ihr euch heimlich in solche Dinge mischt!" Sie standen beschämt, denn wie waren sie doch so nahe daran gewesen, das Heimliche zu vollbringen!