Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben können. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis Samstag schon halb vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran, aber doch mit dem unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her gehöre, je schwieriger die Lage im Haus war.
Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und winkte mit seinen langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto auftauchen sah.
Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof begrüßen sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt," sagte er, "und soll nicht gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der Frühlingsstraße und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen, denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause sein."
So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges Vorrecht. Sie standen alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter, während der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie sich dann plötzlich ihre Züge verklärten, als sie den Vater erblickte, der, dem Schaffner zuvorkommend, die Türe ausriß und mit froher Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half.
Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches Wiedersehen und Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch die Menge hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung über der Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob die Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise, da kam aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob!
"Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von euch krank sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich nimmer geschrieben habe," entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort lautete ein wenig bedrückt. Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa vorgekommen ist, bekümmert mich gar nicht," sagte sie und drückte glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. "Hört nur, Kinder," sagte er lachend, "die Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf der Reise." So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten und jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.
Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der Ecke der Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in anderer Richtung.
"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o Mutter!" rief er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn zärtlich und sagte ihm freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!"
"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber die Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu ihr auf, ging dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis sie, im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um darin die Jüngste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang und schon auf der Treppe mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß soeben zum Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fräulein Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen großen, großen Kaffeekuchen gebacken habe.
Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als sonst. Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht vergessen können, an dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld war. Was konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau Pfäffling verlassen, ihr hatte sie das Haus übergeben, und wenn sie nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen hätte, so wäre kein Unglück geschehen.