Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr Pfäffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins," sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird sich jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, und mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine Sache nicht vollkommen und da ist es gar nicht übel, einmal zu erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der Welt gesehen als ich."
Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die beiden Frauen standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein Bergmann machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen.
"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem ich Muße dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren."
Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen:
"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine."
"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar nicht. Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner veränderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle selbst, daß ich unausstehlich bin."
Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß Fräulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr Kritik und Einmischung gestattete.
Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte sich kein Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles zurück und brachte Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach Fräulein Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Übelbefinden selbst verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zöglingen durch sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben.
"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März, "weißt du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen sieben ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen. Aber dieses Jahr ist es so kalt."
"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein, schöner war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen Familienkreis.