Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute zusammenpaßten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, daß sie sich ähnlich gewesen wären, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf schütteln. Gewiß gibt es auch glückliche Ehen trotz großer Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu rechnen. Oft sehen wir, daß zwei an sich gute Menschen doch keine harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen; der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern gerichtete hält den altmodischen für rückständig.
Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft beglückende wird, kommt es meist daher, daß der eine Teil sein Wesen, seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht zu eigen gemacht und bald hineinwächst in die Art des andern oder auch, daß die beiden neben aller Verschiedenheit durch eine Seite ihres Wesens mächtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in seiner Eigenart ungestört zu lassen, nicht zu verlangen, daß er sich ändere.
Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen den Müttern, den Söhnen und den Töchtern bewiesen, daß trotz der Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mißbilligen und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollständig überein in der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Große; in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen.
So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen Vetters Äußerung entnehmen.
Pauline blieb zunächst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebäude, wo der Bürgermeister seine Amtswohnung hatte.
Ein solches Blättchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl ihr erster schriftlicher Gruß an den Bräutigam; er hat weder Anrede noch Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mädchen noch nicht recht aus der Feder; der Bräutigam hat es vermutlich am Morgen nach der Verlobung erhalten. Es lautet:
»Ob ich’s noch erlebe, daß Du einmal wieder herauskommst? Wie machen’s denn die Leute, daß ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen. Du mußt aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen wärst, ich schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage fördern soll, so scheint mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, daß Du Dich erstens bei -10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der Bleiche wohnt, doch – ›s’ ist schon so‹, mach eben jetzt gute Miene zum bösen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich hätte Dir gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gruß.«
Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl ein Höhepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wußte, daß sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein Geschäft auswärts, vielleicht mußte sie nach der Wäsche sehen auf dem Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wußte ja, wo in solchen Fällen der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einlaß in die Wohnung und wartete da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten. Manchmal hat sie in späteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsäglich über deren Glück, und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte und die ihre älteste Tochter mit derselben Not kämpfen sah, empfand es als eine ganz neue und ungewohnte Freude, daß dieses Gespenst hier nicht drohte; eine schöne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine große Amtswohnung mit Garten beziehen, welcher Reichtum!
Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit benützte der Bräutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der berühmte Porträtmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und führte ihn zu großer Befriedigung aus. Von diesem Ölbild ist die Photographie abgenommen, die unserem Buch als Titelbild beigegeben ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu besorgen, als das Bild in schönem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung geliefert wurde. Der Bräutigam schreibt ihr darüber:
»Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft betrachtet hat es etwas à la Le Bret an sich, aber wenn ich unter vier Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, daß Du eifersüchtig werden könntest. Nur etwas zu spröd finde ich seine Haltung, denn aus seinem sanften gemäßigten Lächeln ist es nicht heraus zu schrecken, während das Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gerät.«