Es währte aber keine Viertelstunde, so erschien Gretchen ganz demütig bei Herrn Reinwald. „Vater,“ bat sie, „es wäre so gar geschickt, wenn Lene zur Hilfe käme, heute und morgen, aber wir haben alle keine Zeit, zu ihr zu gehen und sie zu bitten. Machst du nicht einen kleinen Spaziergang in die Gegend von ihrem Haus?“
„Weil die Altstadt so verlockend ist als Spaziergang und weil der Regen so sanft hernieder rieselt?“ fragte Herr Reinwald dagegen. Aber er stand doch auf und erklärte sich bereit, Lene zu bestellen.
In diesem Augenblick wurde geklingelt und Franziska meldete, daß ein Herr Fräulein Gretchen sprechen wolle. „Mich? Ein Herr?“ rief diese erstaunt. „Nun ja,“ sagte der Vater, „es wird der König oder doch sein erster Minister sein. In diesen Kreisen verkehrst du ja.“ Er ging mit Gretchen in das Besuchszimmer. Dort stand ein großer, stattlicher Mann – Gretchen erkannte ihn sofort wieder, es war Ruths Vater. Nach kurzer Vorstellung und freundlicher Begrüßung überreichte er Gretchen ein wunderbar feines Rosenzweiglein. „Meine Ruth bittet Sie, sich morgen mit diesen Rosen zu schmücken. Sie hätte die Blumen Ihnen selbst gebracht, aber sie konnte es im Augenblick nicht, sie hatte starkes Nasenbluten, als sie aus der Stunde kam.“
„Aus deiner Stunde?“ fragte Herr Reinwald.
„Ich weiß nichts davon, es hat gar nichts gegeben,“ sagte Gretchen errötend.
„Nein, nein,“ bestätigte der Forstrat, „sie ist nur wie unsinnig heimgerannt, um rechtzeitig das Kränzchen zu besorgen.“ „Es scheint ein Verhängnis zu sein, daß ihr der Verkehr mit meiner Tochter Nasenbluten zuzieht,“ sagte Herr Reinwald. „O Vater!“ bat Gretchen, der es peinlich war, immer wieder an ihr erstes Zusammentreffen mit dem Forstrat erinnert zu werden. Aber die beiden Herren lachten und der Forstrat sagte: „Ich glaube, es war Ruth nicht arg, daß sie selbst nicht kommen konnte, es wäre ihr eine Verlegenheit gewesen, ihr Kränzchen zu überreichen. Sie ist immer noch so ein ängstliches Häschen.“ „Aber mit unsern Kleinen spielt und plaudert sie ganz vergnügt,“ sagte Gretchen. „Es ist mir von großem Wert für das Kind, daß es in Ihr Haus kommen darf,“ sagte der Forstrat und dabei lag ein trauriger Ausdruck auf seinen Zügen. Gretchen bat ihn, Ruth morgen zu schicken, damit sie selbst sehen könne, wie sich die Röschen im Haar ausnähmen, und dankte herzlich für des Forstrats Freundlichkeit. Die beiden Herren verließen zusammen das Haus, Herr Reinwald mußte ja seinen Abendspaziergang in die Altstadt machen.
Lene kam am Abend voll Dienstfertigkeit und Tatendurst. Diesmal flüchtete Gretchen nicht vor ihr. „Heute habe ich mich auf dich gefreut,“ sagte sie zu Lene, „aber das letztemal hätte ich mich nicht zu dir hereingewagt, wie hättest du mich auch gezankt!“ „Ja, ja,“ sagte Lene, „mit dir hat man aber auch seine liebe Not.“ „Jetzt fängt sie doch an zu zanken,“ rief Gretchen lachend ihrer Mutter zu; „du hast doch noch gar keine Not mit mir gehabt, die geht jetzt erst recht an, mit den Kleidern!“
„Die Not schlage ich nicht hoch an; aber wieviel gute Worte haben mein Mann und ich dem Hofkutscher Plitt geben müssen, wie waren wir in Aufregung, weil er zuerst nicht recht gewollt hat, und dann keine passende Gelegenheit gefunden hat, es der Königin mitzuteilen. Das war eine Not! Aber gottlob, es ist ja gelungen,“ rief Lene und sah mit glücklichem Stolz auf Gretchen. „Ja, Lene, ist denn das durch dich an die Königin gegangen?“ fragten wie aus einem Mund Frau Reinwald und Gretchen. „Freilich, wir haben es dem Hofkutscher aufgegeben. So, das haben Sie gar nicht gewußt? Ja, ja, woher auch? Aber Gretchen, du hättest dir’s denken können!“ „Ja,“ sagte Frau Reinwald ganz bewegt, „du hättest es dir denken können. Wem sonst wäre deine Sache so am Herzen gelegen, wer anders hätte so für dich alle Hebel in Bewegung gesetzt?“ Gretchen fiel Lene um den Hals. Die wehrte mit feuchten Augen ab und sagte: „Laß doch, jetzt heißt’s schaffen! Wo ist dein Kleid?“
Mit knapper Not wurde alles zur rechten Zeit fertig bis zum Donnerstag Nachmittag, wo sich die Schülerinnen von Fräulein von Zimmern im Schulhaus versammelten, um gemeinsam zur Residenz zu gehen. Gretchen hatte das schlichteste Kleid an; aber die Röschen leuchteten freundlich aus dem blonden Haar und die Augen strahlten vor Vergnügen. Mit Wohlgefallen sah Fräulein von Zimmern auf die kleine Schar ihrer besten Schülerinnen. Die jüngste, ein munteres sechsjähriges Mädchen, übergab sie der besonderen Obhut der zwei größten und empfahl ihr, folgsam zu sein. „Und nun geht hin“, sagte sie, als die ersehnte Stunde endlich geschlagen hatte, „und freuet euch des schönen Festes. Laßt euch nicht bange sein, wenn auch die Königin mit euch sprechen sollte. Wenn ihr euch so benehmt, wie ihr es alle Tage mir gegenüber tut, so ist es recht. Ich verlange täglich von euch eine feine Sitte, damit ihr euch nie bedrückt fühlt, wenn euch die Verhältnisse in vornehme Kreise führen. Heute wird es euch zu statten kommen.“
Jedermann in der Stadt wußte, was es für eine Bewandtnis hatte mit den Gruppen weißgekleideter Mädchen, die um diese Zeit in allen Teilen der Stadt nach der Residenz hinzogen. Eine große Menschenmenge hatte sich auf dem Residenzplatz versammelt, um zu sehen, wie die festliche Schar durch das große Schloßportal eingelassen wurde.