„Eine unserer besten Sängerinnen sollte in der Stadt N. bei einem Künstlerfest als Sängerin auftreten und war im Begriff mit ihrer Mutter dorthin abzureisen, da übertrat sich diese den Fuß und konnte nicht reisen. Es schien untunlich, das junge Mädchen allein reisen, allein mit fremden Künstlern auftreten zu lassen. Um zwölf Uhr mittags begegnete der Mutter das Mißgeschick, um ein Uhr wurde ich benachrichtigt und zur Gardedame bestimmt, um zwei Uhr war ich schon mit meiner Pflegebefohlenen unterwegs; diesmal war ich ohne Tee und ohne Paul Gerhardt ausgezogen, aber mit meinem höchsten Staat, einem grünseidenen Kostüm. Wir wurden in elegantem Gefährt abgeholt und zur Festhalle geleitet. Ich ermutigte das junge Mädchen vor ihrem Auftreten, und nach demselben half ich ihr die Blumen tragen, welche begeisterte Zuhörer ihr gespendet hatten. Es war nicht überflüssig gewesen, daß ihr eine Stellvertreterin für die Mutter mitgegeben worden war, denn nach dem Konzert, in dem sie hinreißend schön gesungen hatte, kamen zwei Herren, um sie zu bestimmen, daß sie sich für den Winter für ihre Musikhalle engagieren lasse. Ich wußte, daß diese Herren keiner guten Gesellschaft angehörten, aber sie machten glänzende Anerbietungen. Die junge Künstlerin fühlte sich geschmeichelt und zeigte sich gleich bereit, den Vertrag zu unterschreiben, mit dem sie dann ihre Mutter überraschen wollte. Ich bestand darauf, der Vertrag müsse der Mutter vorgelegt werden, ehe er unterschrieben würde. Aber beide Teile hörten wenig auf meine Worte. Vielleicht hätten sie mehr darauf geachtet, wenn ich nicht so klein und unschön wäre; eine Helferin sollte womöglich nicht so sein. Die Herren drängten das Mädchen und drückten ihr die Feder in die Hand, mit der sie den schon vorbereiteten Vertrag unterschreiben sollte. Ich wußte nichts Besseres zu tun, als den Vertrag wegzunehmen, und in Stücke zu zerreißen. Freilich mußte ich bissige Worte hören über den ‚aufgeblasenen Laubfrosch‘, womit sie mich in meinem grünseidenen Kleid meinten; aber sie verließen uns doch und kamen nicht wieder. Die junge Schöne zürnte wohl mit mir, aber in späteren Jahren schickte sie mir eine große Summe mit der Aufschrift: ‚Verspäteter Dank für glückliche Bewahrung.‘“
Fräulein Trölopp schwieg. Nach einer kleinen Weile sagte Frau Reinwald: „Das ist ein schöner Beruf, in dem man so viel Not abwenden oder lindern kann, Sie haben sich wohl schwer entschlossen, ihn aufzugeben?“
„Ich wurde kränklich und ging nach Deutschland, um mich ein Jahr auszuruhen.“
„Das taten Sie wohl jetzt bei meiner Schwester?“ fragte Frau Reinwald lächelnd.
„Ich war eigentlich schon ausgeruht, als ich in Europa ankam. Die Seereise hat mir gut getan.“
Gretchen hatte während der ganzen Zeit kein Auge von der Erzählerin gewendet, und nun rief sie mit Begeisterung aus: „Oh, solch eine Helferin möchte ich auch werden! Darf ich, wenn ich groß bin?“ fügte sie hinzu und sah gespannt auf die Eltern.
„Das wird sich finden,“ antwortete Herr Reinwald. „Geh du vorläufig deine Wege, es ist bald zehn Uhr, höchste Zeit für ein Schulmädchen.“
Das war ein nüchternes Wort in Gretchens begeisterte Stimmung! Aber sie widersprach nicht und stand vom Tisch auf. Beim „Gute Nachtgruß“ flüsterte ihr die Mutter zu: „Bringe noch frisches Wasser ins Gastzimmer und sieh nach, ob sonst nichts fehlt, meine kleine Helferin!“
Gretchen hatte noch einige Fragen auf dem Herzen, die mußte ihr Fräulein Trölopp am nächsten Morgen auf dem Weg zur Bahn beantworten. Sie ging mit ihr voran. Frau Reinwald folgte, Rudi und Betty an der Hand.
„Kann man bei uns in Deutschland nicht Helferin werden?“ fragte Gretchen.