„Nur rasch in den Korb damit,“ rief Fräulein von Zimmern, die nicht, wie Gretchen, Lust zu haben schien, die Schlange erst noch nach ihren Gemütsbewegungen zu betrachten. Gretchen mußte das Tier, das sich ihr um den Arm gewickelt hatte, erst losmachen; als sie es aber in den Korb legte, in den Sand gestreut war, verkroch es sich sofort in denselben und blieb ganz ruhig, es dünkte ihm wohl ein sicherer Schlupfwinkel. Der Deckel wurde sorgfältig geschlossen, und nun war das Werk gelungen.

„Jetzt aber schnell aus dem Hause mit dem Tier, ich will nicht länger damit zu tun haben,“ rief Fräulein von Zimmern, und das Dienstmädchen, nachdem es ängstlich nachgesehen hatte, ob auch nirgends eine Öffnung sei, durch die die Schlange entwischen könnte, verstand sich dazu, den Korb in das Haus des Lehrers zu tragen, während die Kleine, die das Unheil verschuldet hatte, die Trümmer des Glaskastens mit heimnehmen mußte, um einen neuen zum Ersatz zu besorgen. Als aber alles wieder in Ordnung war und die ungebührlich lange Freistunde ihr Ende gefunden hatte, als auch das Klassenzimmer wieder von Sand und Glassplittern gesäubert war, nahm Fräulein von Zimmern die kleine Ruth mit sich heraus und besprach etwas leise mit ihr, wobei die Augen der Kleinen glänzten.

Es war wieder Ruhe im Schulhaus und alles ging seinen gewohnten Gang. Aber um zwölf Uhr, als die Arbeitslehrerin eben die Großen verlassen hatte, schlüpfte eine kleine Gestalt durch die Türe herein in die Klasse der Großen, es war Ruth. Sie überreichte Gretchen ein blühendes Rosenstöckchen und richtete unter schüchternem Erröten aus: „Das schickt Fräulein von Zimmern ihrem tapfern Gretchen zum Dank!“

Gretchen kam hocherfreut heim, eine solche Anerkennung von der Vorsteherin war ihr in all ihren Schuljahren noch nie vorgekommen. „Es war heute überhaupt ein glücklicher Schultag,“ sagte Gretchen zu den Eltern, „ich habe in der Arbeitsstunde den schrecklich langen Hohlsaum fertig gebracht, dafür hätte ich wohl eher ein Rosenstöckchen verdient, ich will doch viel lieber mit Schlangen als mit Hohlsäumen zu tun haben!“

Fünftes Kapitel.
Die Base.

Herr Reinwald kam von einer Fahrt heim. Er hatte in einer Ortschaft der Umgegend geschäftlich zu tun gehabt und der Kutscher Bauer, Lenes Mann, hatte ihn dorthin gefahren. Frau Reinwald saß allein im Zimmer, als ihr Mann zurückkehrte. Er setzte sich zu ihr. „Ich habe heute die Gelegenheit benützt und mit dem Kutscher Bauer gesprochen,“ erzählte er. „Es tut einem leid, wenn man hört, daß zwei so tüchtige Leute, wie Lene und ihr Mann, wenn sie gesunde Kinder haben und guten Verdienst, doch nicht glücklich zusammenhausen. Ich habe ihm ans Herz gelegt, daß er ordentlich zu seiner Frau halten soll, wie sich’s gehört, und sie unterstützen gegenüber der alten Verwandten und den Kindern. Nun wäre es aber sehr gut, wenn du bald einmal Lene besuchen und nachsehen könntest, wo sie es etwa fehlen läßt. Auf deinen Rat gibt sie viel.“

„Ich hatte es schon lange vor,“ entgegnete Frau Reinwald, „nun will ich es aber keine Stunde mehr hinausschieben. Ich richte mich sogleich.“

Lene hatte eine rührende Freude, als Frau Reinwald unerwartet zu ihr kam, aber man sah, daß ihr das Herz schwer war, denn die Tränen traten ihr in die Augen, und es dauerte keine zwei Minuten, so hatte sie das Gespräch auf die „Bas“ gebracht. Sie fing an, der alten Frau allerlei Schlimmes nachzusagen, aber plötzlich unterbrach sie sich und lenkte ein: „Ich weiß ja, daß Sie’s nicht leiden können, wenn man Böses über die Leute redet, und ich will’s auch nicht weiter tun.“

„Doch Lene, tu du das heute nur. Schütte den ganzen Groll, der sich bei dir gegen diese Person angehäuft hat, gegen mich aus; dir tut es gut, und ich möchte klar sehen in dieser Sache.“

Auf diese Aufforderung hin ging’s der Base schlecht, denn Lene ließ kein gutes Haar an ihr. Was sie aber am meisten betonte, war, daß die Base ihr selbst so viel Böses nachsage und die Kinder dadurch aufhetze. „Hast du denn schon versucht, die Base zu beschwichtigen und zu versöhnen?“ fragte Frau Reinwald.