„Aber sie dir.“

„Was denn?“

„Weißt du nicht mehr, wie sie dir einmal absichtlich falsch eingesagt hat und wie sie dich verklagt hat?“

„Ach, das war ja schon voriges Jahr, ja, wenn du so weit zurückdenkst, da kann viel vorgekommen sein, das sind doch alte Sachen.“

„Nun ja, aber sie ist doch noch dieselbe und sie soll nicht zwischen uns kommen.“

„Nein, nein, ich will also mein Möglichstes tun, ich möchte ja doch auch neben dir sitzen, lieber als neben irgend einer andern, das weißt du ja!“

Der heutige Schultag brachte wieder die Stunde, die monatlich nur einmal wiederkehrte; um elf Uhr erschien Pfarrer Kern, und man konnte es ihm und den Mädchen anmerken, daß sich beide des Wiedersehens freuten. Fräulein von Zimmern, die ihn seit vielen Jahren als den treuesten Freund ihrer Schule schätzen gelernt hatte, empfand selbst Lust, der Stunde beizuwohnen, geleitete ihn in das Zimmer ihrer „Großen“, und rückte sich einen Stuhl in eine der Fensternischen, wo sie halb verborgen saß.

Nachdem der Pfarrer in seiner heitern, freundlichen Weise die einzelnen Schülerinnen begrüßt hatte, sagte er: „Ich habe euch beim Beginn des Schuljahrs gesagt, daß es mich freuen würde, wenn ihr selbst mir durch Fragen Gelegenheit geben würdet, über solche Dinge zu reden, die euch beschäftigen. In den ersten Stunden ist dies nicht geschehen. Diesmal aber ist mir von einer meiner Schülerinnen, die sich nicht genannt hat, eine Frage zugeschickt worden. Ich habe mich darüber gefreut und möchte die Frage nun beantworten.“

Bei diesen Worten erhob sich Fräulein von Zimmern leise von ihrem Platz und ging der Türe zu. Als sie an dem Pfarrer vorbeikam, sagte sie: „Wer kann wissen, ob die Fragestellerin nicht gerechnet hat, mit Ihnen und den Freundinnen allein zu sein? Ich will die Traulichkeit dieser Stunden nicht stören,“ und sie verließ das Zimmer.

„Ich glaube, wir hätten unsern Gegenstand ebensowohl in Gegenwart von Fräulein von Zimmern besprechen können,“ sprach der Pfarrer, „aber ihr habt ein schönes Beispiel von Zartgefühl und feinem Takt gesehen.“