Gretchen war noch ganz erfüllt von diesem Erlebnis, als Herr van der Bolten heimkam. Er wurde sehr ärgerlich beim Anblick des zerbrochenen Fensters, und Oskar erhielt wohl einen Denkzettel; aber daß Herr van der Bolten fast ebenso ärgerlich über Rieke war, ja daß er sogar Gretchen vorwarf, sie hätte so etwas vermeiden sollen, das konnte sie gar nicht begreifen. Wenn doch nur Oskar unartig war, warum wurden dann die andern auch und noch dazu in dessen Gegenwart getadelt?

Sie war gar nicht gewöhnt, einen ungerechten Vorwurf zu bekommen, und es fiel ihr schwer, ihn hinzunehmen. Wie gerecht war ihr Vater immer trotz aller Strenge!

Über diesen Dingen hatte Gretchen vollständig den Auftrag des fremden Herrn vergessen, und als ihr Onkel um zwei Uhr ausging, hatte er keine Ahnung, daß um drei Uhr nach ihm gefragt würde. Noch vor drei Uhr klingelte es, und Rieke kam zu Gretchen. „Der Herr ist wieder da, der heute mittag schon hier war; er sagt, er sei auf drei Uhr angesagt. Kommt denn der gnädige Herr so bald heim?“

Gretchen wurde über und über rot vor Schrecken und Scham. „Ach, das habe ich vergessen auszurichten!“ rief sie ganz entsetzt.

„Was soll ich jetzt sagen? Der Herr sei verhindert, aber morgen sei er zu sprechen?“

„Nein, Rieke,“ sagte Gretchen kläglich, „er ist ja nicht verhindert, wir können das doch nicht sagen!“

„Aber jedenfalls kann man den Herrn nicht so lang vor der Türe stehen lassen.“

„Ich muß um Entschuldigung bitten,“ sagte Gretchen und ging mit einem schweren Seufzer hinaus.

Tief errötend erschien sie vor dem Fremden und stammelte: „Es ist mir so leid, ich habe es ganz vergessen, meinem Onkel auszurichten!“ Dieser schien sehr ärgerlich.

„Ich habe keine Zeit, zum drittenmal herzukommen. Ich muß mit dem Schnellzug wieder abreisen und habe hier mit meiner Frau nur einen Tag Aufenthalt genommen, um bei Herrn van der Bolten eine große Bestellung zu machen.“