Aber Gretchen ließ nicht nach mit Bitten, bis Rieke mit ihren Zetteln fortging. Oskar war in der Schule, aber Rudi und Betty hatten mit großer Teilnahme die aufregende Angelegenheit verfolgt, und alle drei standen nun am Fenster und sahen hinaus, wie Rieke die Straße entlang ging, viel langsamer, als Gretchen gewollt hätte; und als sie ihnen endlich aus den Augen schwand, gingen sie miteinander in die Küche, wo Rieke noch nicht fertig aufgeräumt hatte; Gretchen wollte des Mädchens Arbeit tun, so gut sie konnte.
Nach vier Uhr kam Rieke zurück. Sie hatte ihren Herrn vergeblich gesucht. „Und die Zettel?“ „Die habe ich abgegeben, einen im Atelier, einen im Kaffeehaus, einen beim Friseur, zwei habe ich den Briefträgern angehängt; aber, Fräulein Gretchen, alle haben gelacht über mich, und ein andermal will ich nimmer zum Gespött der Leute werden! Helfen werden die Zettel doch nichts, es ist mir erst unterwegs eingefallen, daß der Herr wahrscheinlich vor der Stadt draußen ist, er malt doch den ‚Winterabend‘ und schaut sich alle Tag draußen den Schnee an.“
Mit Bangen verbrachte Gretchen den Nachmittag. Wie würde der Onkel ihr zürnen, wenn sie ihn vielleicht um einen wertvollen Auftrag gebracht hatte! Mit Recht könnte er sagen, wenn sie nicht hierher gekommen wäre, so wäre es viel besser gewesen, denn Rieke hätte die Bestellung gewiß nicht vergessen. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, und es wurde ihr von einer Stunde zur andern unbehaglicher zumute, denn sogar wenn der Onkel noch glücklich mit dem Fremden zusammenträfe, ihre Vergeßlichkeit blieb deswegen doch bestehen. Sie fragte Rieke, sie fragte Oskar, wann der Onkel vermutlich heimkäme, sie wußten es nicht. Als es später als sechs Uhr wurde, fing Gretchen an zu hoffen, daß der Onkel mit dem Fremden an die Bahn gegangen sei. Es schlug sieben Uhr, Gretchen hatte die Kleinen zu Bette gebracht, und in der Stille, die nun eintrat, konnte sie die Spannung nicht mehr aushalten.
„Oskar,“ sagte sie, „klopfe auf dem Klavier herum so gut du kannst, vielleicht hört es deine Mama, ich gehe hinunter in den Hof, ich muß sie sprechen!“
Es war schon finster und kalt, als Gretchen in den beschneiten Hof trat. Aber welche Überraschung! An der Mauer lehnte eine dunkle Gestalt, die weichen Laute der italienischen Sprache klangen in Gretchens Ohr und wurden erwidert von einer sanften Stimme von oben.
„Onkel, bist du da?“ rief Gretchen in höchster Erregung.
„Ich bin natürlich da,“ rief lachend Herr van der Bolten, „aber du, was willst du in Schnee und Eis? Möchtest du die Tante etwas fragen? Susi, da ist unser Hausmütterchen.“
Aber das freundliche Wort tat Gretchen nur weh, wie wenig verdiente sie es gerade heute!
„Ist doch keines von den Kindern unwohl?“ rief die Tante ängstlich.
„Nein, nein, sie sind ganz munter, ich wollte nur fragen, wann wohl der Onkel heimkommt.“