Am nächsten Tag aber fiel es ihr auf, daß er seine Schultasche nicht ins Zimmer hereinbrachte, auch lag dieselbe an keinem der Plätze, wo er sie sonst gelegentlich ablegte. Sie wollte ihn nicht fragen, denn sie hätte ihr Mißtrauen gar nicht zeigen mögen. Später führte ein Zufall sie in das Zimmer, in dem Oskar schlief, und da sah sie seine Schultasche hinter dem Bett verborgen liegen, und wie am Tag vorher, waren wieder zwei Hefte in derselben. In dem Augenblick, als sie die Tasche in der Hand hielt, kam Oskar in das Zimmer, und stand sichtlich betroffen, als er Gretchen an seinem Versteck sah.

„Oskar,“ fragte sie, „hast du doch wieder abschreiben wollen?“

Trotzig antwortete der Junge: „Ja, aber es geht dich nichts an, du hast dich nicht um meine Sachen zu kümmern!“

„Aber Oskar, was hast du mir gestern versprochen! Nun muß ich’s deinem Vater sagen!“

„Wenn du’s dem Vater sagst, dann springe ich zum Fenster hinaus!“ rief ganz außer sich der Junge, und im Nu schwang er sich auf den Sims des offenen Fensters, trat auf den äußersten Rand desselben, bereit, hinauszuspringen. Gretchen war keine ängstliche Natur, und ließ sich nicht leicht einschüchtern, aber bei diesem Anblick wich ihr alles Blut aus den Wangen.

„Oskar, Oskar,“ rief sie flehend, „komm herunter, ich bitte dich!“ Er aber schwang die Arme, wie um den Sprung zu wagen, es war ein schrecklicher Anblick. Gretchen war ans Fenster gesprungen, aber sie wußte wohl, daß sie ihn nicht festhalten konnte. „Oskar, tu das deinen Eltern nicht an, komm herein, o komm, ich bitte dich!“

„Sagst du dem Vater nichts?“ rief Oskar.

„Nein, komm nur, komm!“

„Und der Mutter, und Rieke, und den Kleinen?“

„Nein, nein, komm doch herein, ich kann’s nicht mehr sehen!“