Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien hier bleiben.
Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung fast Tränen.
Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.
Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast vollzählig waren sie da, aber doch nicht ganz, weil einige schon zu ihrem Regiment einberufen waren.
Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat, Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten, stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam. Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell die nötigen Beschlüsse fassen.
Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.
Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.
Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt, man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.
Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher muß ich noch was Lustiges erzählen.
Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack, sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“