„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“ beharrte Georg.
„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit, die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird auch das andere nicht können.“
Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so etwas tun, wie es die Russen getan hatten?
„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“
„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“
„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den Büchsen, gelt du?“—„Ja, Vater!“—„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“ rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über die Russen und über die Russenart!“
Zu welcher Fahne?
Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder, zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann, der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen Altersgenossen zur Schule.
Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.
In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.