Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v. Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man wollte seine Seen, seine Sümpfe, die er alle persönlich kannte, anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte, agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe lassen werde.

Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren, daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.

Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.

Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen waren, jetzt wurde es ernst.

Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und als er ankam, war alles vorbereitet.

Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.

Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd, tapfer und zäh.“

Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen
Zuversicht:

Wir werden siegen!

End of Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper