Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.
Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!
Drittes Kapitel.
Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. "Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen haben."
"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter suchen!"
"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!"
"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?"
"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte. "Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest."
Seufzend ergab er sich.
Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind aus ihrer Heimat vertrieben!"