"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten. "Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da gibt uns jedermann doppelt so gern!"
"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt wagen!"
Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
Sechstes Kapitel.
Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.
"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."