Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen, Mutter?"
"Wir miteinander!"
Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor.
Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als:
Er lebt und grüßt uns tausendmal!
Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche Not geraten waren.
Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit, selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte.
Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen, mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war gekommen!
"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß.
"Sind es keine guten Nachrichten?"
"Wie kannst du gute Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt doch und wird wiederkommen!"