Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe ab, gleich an die Front!"
Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such verwundet!"
Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald.
"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben. Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern durchs Wasser."
"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend. Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav," lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich, Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er, streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm mit sich fort.
Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich glänzend, er fand alle Versteckten.