Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser strömen ließ.

Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger Bretterbau.

„Luftschiff für die Mars-Expedition“

stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die üblichen Worte:

„Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!“

Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht schon beendet war.

Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen, die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung übertragen worden.

Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen, doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller geeilt.

Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig mit dem „Weltensegler“, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach. Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie er selbst.

So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei „engeren Stuttgarter“ zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.