Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere Bitte.
Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles Wünschenswerte selbst nachlesen können. — Nach der Abfahrt von Cannstatts Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als Ideal des Lebens geträumt, — dort oben auf jenem Sterne ist es in die schönste Wirklichkeit übersetzt.
Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit Recht fragen: ‚Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen soll?‘ Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir zur Erde zurückkehrten.
Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola, in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.“
Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus, als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem Bankette nach Hause gingen.
Anmerkungen zur Transkription
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- ... Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen Verhältnissen gegespielt ...
... Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen Verhältnissen [gespielt] ... - ... Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. ...
... [„]Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. ... - ... stand tief im Westen und erregte die vollste Aufmersamkeit des ...
... stand tief im Westen und erregte die vollste [Aufmerksamkeit] des ... - ... auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzen Bewohnerzahl ...
... auf nur zweihundertundfünfzig Millionen [geschätzten] Bewohnerzahl ... - ... Vergessenen verbannt werden könnte. ...
... Vergessenen verbannt werden könnte.[“] ... - ... trug. En war ein tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick ...
... trug. [Es] war ein tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick ... - ... wären wirklich die kühnen Reisenden . . .? ...
... wären wirklich die kühnen Reisenden . . .?[“] ... - ... Wir sind am 7. März von oben abgefahren. Heute ...
... [„]Wir sind am 7. März von oben abgefahren. Heute ... - ... Dubelmeier, ist durch diesen Göttertropfan besiegt worden.“ ...
... Dubelmeier, ist durch diesen Götter[tropfen] besiegt worden.“ ... - ... des Schwabenlandes, als Gäste zugeführt. ...
... des Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.[“] ... - ... Empfindung des Behagens. Hier unten ewacht sofort wieder ...
... Empfindung des Behagens. Hier unten [erwacht] sofort wieder ... - ... Hoch empfing den blummenbekränzten Zug, als er am 7. Oktober ...
... Hoch empfing den [blumen]bekränzten Zug, als er am 7. Oktober ... - ... die eigens für diesen Zweck von Musidirektor ...
... die eigens für diesen Zweck von [Musik]direktor ... - ... der Herren einen goldenen Lobeerkranz, auf dessen Blättern ...
... der Herren einen goldenen [Lorbeer]kranz, auf dessen Blättern ...