| Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars | [1] |
| Zweites Kapitel. Die Sühne | [8] |
| Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit | [21] |
| Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen | [37] |
| Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars | [45] |
| Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß | [61] |
| Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr | [69] |
| Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum | [74] |
| Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde | [89] |
| Zehntes Kapitel. Die drei Freunde | [98] |
| Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde | [112] |
| Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche | [134] |
Erstes Kapitel.
Der Erdensohn auf dem Mars.
Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen? Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick . . .
Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern — das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne zu.
„Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, — mir graute vor einer Rückkehr in so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!“
Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: „Nun, mein Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung? Quält dich das Heimweh nach der Erde?“
„Nein, nein!“ beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. „Hier will ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!“
„Nun,“ meinte der Alte mit feinem Lächeln, „etwas scheint dir doch im Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?“