„Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben bereits Lumata wieder erreicht.“

In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten flache Dächer.

„Gute Nacht, Freund Fridolin!“ sagte Eran, als sie dessen Behausung erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle emporstiegen. „Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist weit.“

„Gute Nacht, Eran! Hab’ Dank!“

Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren der Tübinger Universität. ‚Die sieben Schwaben‘ hatten sie sich oft im Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.

Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig etwas an seinem Herzen?

Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.

Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen, aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten, die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung, die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung. War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.

Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?

Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die krausesten Dinge erleben ließen.