Während die vergriechten Namen, fast ausnahmslos zusammengesetzt, durch ihre Länge ins Ohr fielen, indem sie mindestens dreisilbig, oft aber vier-, fünf-, ja sechssilbig sind: erschienen die einfachen lateinischen Namen in ihrer Kürze noch zu kahl; mindestens mußte den zweisilbigen wie Sartor, Pistor noch eine Endung gleichsam als Schleppe angehängt werden, um die Würde ihrer pedantischen Träger recht zu bezeichnen, also: Sartorius, Pistorius.
In jenen Zeiten bestimmte zuweilen der unreife und phantastische Einfall eines unbärtigen Literaten auf Jahrhunderte den Familiennamen seines Geschlechtes. So war, nach Vilmar, ein gewisser Mosmann der Sohn eines Schmiedes zu Gemünden an der Wohra; da ihm aber einige lateinische Verse gelungen waren, so konnte er nicht mehr Mosmann heißen, sondern nahm den lateinischen Namen für das Gewerbe seines Vaters an: Faber. Indes das drückte doch nicht den poetischen Schwung aus, den der angehende Virgil in sich fühlte, und so nannte er sich denn Fabronius, welches bedeuten sollte Faber Aonius, d. i. Musenschmied, und diesen Namen behielten seine Nachkommen bei. Seine Landsleute waren Helius Eobanus Hessus und Euricius Cordus, von denen bei ihren hochpoetisch klingenden Namen niemand mehr weiß, wie sie recht geheißen haben.
So entstanden die wunderlichsten und abenteuerlichsten Namengebilde, z. B. Osiander aus Hosemann, Chiomusus aus Schneesing, Eucharius aus Eckhard, Chelopoeus aus Kistemaker, Namen, die jetzt schwer zu enträtseln sind oder gar nicht mehr, wie Chesnecophorus. Auch übellautende Mißbildungen, wie Gueinzius, Heineccius, Cocceji[74] setzten sich fest.
Diese Latinisierungen wucherten am meisten da, wo eben die vorhin geschilderte, sog. humanistische Richtung besonders blühte, also namentlich in Sachsen, in der Pfalz, in Basel, vor allem aber am Hofe des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen.
Manche kehrten von den Pistorius, Episcopius, Melissander ihrer Väter zu den Becker, Bischoff, Bienemann ihrer Großväter zurück; andere aber behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei, wenn sie sich auch nicht auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Vorfahren behaupten konnten, und so finden wir diese Fremdnamen gegenwärtig noch überall in Deutschland.[75]
Jetzt bekommt diese Namenklasse glücklicherweise keinen Zuwachs mehr. Nur einige Stockphilologen haben es in neuerer Zeit noch nicht lassen können, Namen in dieser Weise für ihre Zwecke zu antikisieren: Öhler in Olearius, Sillig in Siligius. Doch gründlicher verfuhr hierin Reisig. Dieser Gelehrte, der jedesmal, wenn er glaubte eine glückliche Konjektur gemacht zu haben, dies der Welt durch Trompetenstoß von dem Boden seiner Wohnung aus verkündete, leistete auch Entsprechendes auf dem Gebiete der Antikisierung, besser gesagt, Entstellung der Namen. So verwandelte er Wunderlich in Vunderilicus, Poppo ganz unnötigerweise in Pomponius, Mitscherlich gar in Midoscherilix, als wäre dieser Horazerklärer des 19. Jahrhunderts einer von den Keltenhäuptlingen des alten Galliens, gleich den Viridovix und Vercingetorix.
16.
Jüdische Namen.
Am spätesten haben die Juden sich dazu verstanden, Familiennamen anzunehmen; meist wurden sie erst durch die Gesetzgebung, in Österreich unter Joseph II., in Preußen durch Hardenbergs Edikt vom 11. März 1812 dazu genötigt. Sie hatten nun die Wahl und wählten, was auch am nächsten lag, zum großen Teil hebräische, alttestamentliche Namen, indem einfach die bis dahin geführten Personennamen zu Familiennamen gestempelt wurden: Abraham, Jakob, Moses, Simon; auch patronymische Ableitungen hebräischer Namen: Jakoby, Jakobson (entsprechend dem hebräischen ben, welches in Benary „Löwensohn“ erscheint).
Doch in der Mehrzahl wurden neuhochdeutsche Namen gewählt, zunächst Bezeichnungen von Eigenschaften, natürlich guten: Edel, Freundlich, Treu — sodann Tierbenennungen: Hirsch, Wolf, Adler, meist wohl mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche denselben im Alten Testamente beigelegt wird[76] — jedoch mit besonderer Vorliebe Ortsbezeichnungen: Cassel, Falkenstein; häufig mit der Ableitungsendung er: Friedländer, Wronker, Exiner, Meseritzer. Diese Namen weisen großenteils nach dem Osten, nach Westpreußen und Posen.