Ein Element, welches schon in der griechischen Namengebung, doch nur in zweiter Reihe hervortrat, der fromme Sinn, die alles auf die Gottheit beziehende Lebensanschauung, kommt zur vollen Entfaltung bei den Orientalen, namentlich dem Volke der Israeliten. Dies wird durch das Vorwiegen der Namen bezeugt, die mit der Silbe ja (jo, je) — Abkürzungen von Jehova (Jahve) — oder mit el anfangen oder auch schließen. Beides bedeutet „Gott“, also[4] Josua (dessen Hülfe Jehova ist), Johannes (den Jehova geschenkt hat), mit ähnlichem Sinne Jonathan (den Jehova gegeben), Josaphat (dem Jehova Recht schafft); — Obadja (Knecht Gottes, vgl. arabisch Abdallah), Sacharja, Zacharias (dessen Jehova gedenkt); — Elimelech (dem Gott König ist), Elieser (dem Gott Hülfe ist), in derselben Bedeutung Eleasar (Lazarus); — Nathanael (den Gott gegeben), Joel (die beiden Gottesnamen verbunden: dem Jehova Gott ist). Hieran reihen sich noch mehrere, bei welchen diese Beziehung nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber doch leicht zu ergänzen ist, z. B. Nathan, abgekürzt aus Jonathan, Saul (der Erbetene, nämlich von Gott).

3.
Die altgermanische Namenwelt.

Wenden wir uns, nachdem wir dies vorausgeschickt, zu unserm Volke in seiner ungetrübten Ursprünglichkeit und fragen: Was ist das Eigentümliche der altgermanischen Namengebung?

Der Geist und Sinn, die ganze Anschauungsweise eines ursprünglichen Volkes spricht sich bezeichnend aus in den Vorstellungen, die es sich vom Übersinnlichen, von der Gottheit macht. Wie Gott die Menschen schuf nach seinem Ebenbilde, so denkt sich umgekehrt der Naturmensch die Gottheit gern nach seinem menschlichen Bilde. Was ihm als das Höchste erscheint, das überträgt er auf jene und stellt somit einen Spiegel auf seines eigenen Selbst. Wie hat nun der Germane sich die Gottheit gedacht? Hören wir darüber den beredten Mund eines neueren Forschers, der sich in der Hauptsache folgendermaßen ausspricht: „Während andere Völker die stille, starre Ordnung der Himmelskörper, der Gestirne, über alles andere gefeiert und das Leben der Menschen zu einem Abbilde dieser stillen, starren Ordnung zu machen gesucht haben; während wieder andere das in den Entwickelungen der Dinge bemerkbare Ebenmaß und die Schönheit des lebendigen, organischen Maßes, die Harmonie gefeiert haben — hat die germanische Glaubenslehre an die Spitze aller Götterfiguren eine Personifikation gestellt des ungebrochenen, rastlos jagenden, todverachtenden Heldengeistes, den Wuotan.[5] Damit ist der ungebrochene, gottbewegte, persönliche Heldensinn über alles andere gesetzt und zum höchsten Gegenstande der Verehrung und des sittlichen Strebens gemacht.“ (H. Leo, Vorlesungen I, 109).

Diesen stürmischen Heldengeist zeigt unser Volk von seinem ersten Auftreten in der Geschichte an. Heftig und ungestüm war die Kampfesart der Germanen, zumal ihre ersten Angriffe zu Beginn der Schlacht, und nur der überlegenen Kriegskunst der Römer gelang es, die furchtbare Kraft derselben zu brechen.[6] So in dem Kriege der Cimbern und Teutonen, welche fünf Jahre hindurch alle gegen sie ausgesandten Heere der Römer schlugen und vernichteten, bis es endlich dem großen Feldherrn Marius gelang, den Sturm zu beschwören und das drohende Verderben von Rom abzuwenden; so in dem Kampfe Cäsars mit Ariovist, so in allen nachfolgenden Kämpfen, bis zu dem gewaltigen Gewittersturm der Völkerwanderung.

Bekannt sind die Zeugnisse des Tacitus für die Tapferkeit der Germanen (nullus mortalium armis aut fide ante Germanos). Krieg und gefahrvolle Unternehmungen waren ihre Lust — daher jene nie gesättigte Begier nach Abenteuern, die Gier, Gefahrvolles aufzusuchen und mit dem Furchtbaren zu kämpfen; daher auch im Frieden die Lust, auf ungemessenen, ungebahnten Pfaden das Wild zu jagen. „Wer hat mehr Mut“, ruft der Römer Seneca, „als die Germanen? Wer stürmt mit größerer Gewalt? Wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, mit denen sie gleichsam geboren, in denen sie aufgezogen werden? Die allein sind ihre Sorge, alles andere kümmert sie wenig.“ (Sen. de ira I, 11.) Im Einklang damit läßt der jüdische Schriftsteller Josephus den König Agrippa zu den Juden sagen: „Ihr habt ohne Zweifel von den Germanen gehört. Ihr habt ihre Stärke gesehen und die Größe ihrer Gestalt. Sie haben aber einen Geist, der größer ist als ihre Leiber, eine Seele, die den Tod verachtet, und einen grimmigern Zorn als die wilden Tiere.“

Dieser wilde Kriegsmut ist der „furor Teutonicus“, der im Altertume wie zum Sprichwort geworden noch von viel späteren Schriftstellern oftmals erwähnt wird.

So war der Geist unserer Ahnen, und diese todesverachtende Kühnheit, dieser wuotanische Heldensinn spiegelt sich ab auch in der Namengebung jener Zeit, des Heroenalters unseres Volkes. Und wenn uns keine Geschichte und keine Sage Kunde gäbe, so würden diese zahlreichen männlichen und auch weiblichen Namen vernehmlich genug sprechen, die da wiederklingen von Waffen und Krieg und Kampf und Sieg.

Hild, Gund, Had, Bad und Wig sind lauter Ausdrücke für Kampf, Schlacht, Krieg, Wortstämme, die, sonst in unserer Sprache längst erstorben, nur noch in den Namen und zwar hier um so häufiger fortleben. Es ist hier nicht der Raum, alle die Ableitungen und Zusammensetzungen aufzuzählen, von denen die Sprache damals eine staunenswerte Menge und Mannigfaltigkeit besaß. Nur zur Probe wollen wir, um an einem Worte diesen Reichtum zu zeigen, die von dem Stamme hild gebildeten Namen vollständiger hersetzen:[7]

Hildibald, Hildibern, Hildiberht, Hildibodo, HildibrandHildidagHildifrid, HildifunsHildigang, Hildigar, Hiltigast, Hildegaud, Hildegern, Hildigis, HildigrimHildehocHildelaic, Hiltilant, Hiltileip, HiltiloucHildiman, Hildimar, Hildimod, HiltimundHildinandHildirad, Hiltiram, Hildiric, HiltirochHiltiscalh, HiltistainHildulfHildowald, Hildiwar, Hildiward, Hildiwerc, Hiltiwic, Hildiwin.