Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll, bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit, wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung. Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht, aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend zum Uneschatologischen hinzutrat.

Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben, sondern er muss von Anfang an, auch in der ersten galiläischen Periode seiner Predigt zu Grunde gelegen haben!

2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.

»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 7) — dieses Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.

Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten. Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches predigen sollen.

Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des Gottesreiches überall ertönen zu lassen — damit alle gewarnt sind und Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet. »Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: Einbrechen des Reiches Gottes mit Macht.

Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 23). Versteht man die Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische Aussagen in die Tage der Aussendung.

Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut, wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken heilen (Mt 10 1); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor andern begnadet waren — und sie waren doch nicht in sich gegangen, was doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 20-24). Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.

Die Jünger sollten also predigen vom Reich, von der Busse und dem Gericht. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf das letzte Aufbäumen der Weltmacht. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden (Mt 10 34-36). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10 37 u. 38). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über sie bringen (Mt 10 17-31). Man wird sie zur Verantwortung ziehen und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für ihn eintritt (Mt 10 32 u. 33).

In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit nach seinem Tode; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten. Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder eschatologischen Weltanschauung.