Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach Genezareth zurückkehrten.

Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 30) ein schweres litterarisches Problem. Mk 8 27-33 befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 30 ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 34-9 29), wo er von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen, um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet, wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet. Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9 30 ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen kann.

Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt (Mk 9 28)!

Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut unmöglich, denn es kann nicht auf heidnischem Boden, sondern nur in Galiläa spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode vor den Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der Jünger, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!

Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen. Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 28), in deren Nähe ein Berg sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 2). Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt in Bethsaida. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist der Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er nach Bethsaida kam!

Das Stück Mk 8 34-9 29 gehört also in die Tage von Bethsaida! Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 31-33) am natürlichsten das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger anzuschliessen schien (Mk 8 34-9 1).

Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 34 ff. die Massnahmen des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 45-47). Jesus hat das Volk entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im Hause (Mk 9 28) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk mit den Jüngern um sich (Mk 8 34) und redet zu ihnen von der Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande, Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der in Solidarität mit Jesu richten wird.

Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt: einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um ihn bewegten.

Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen, der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 25-27), beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei der Hand fasst und aufrichtet.

So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 34-9 29 einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche, die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach dem Norden in Bethsaida verbrachte.