Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass, wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 25), so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie durch die Totenauferstehung eingehen.

In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine »Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein »Tod«. Sie allein ist »Leben«.

Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet (Mt 7 14). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 8 u. 9). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das Gottesreich eingehe« (Mk 10 17 u. 25).

Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung anhebt (Mk 8 35).

Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben in der Hölle (Mt 10 28).

Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor 15 50-54). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese Unvergänglichkeit verwandelt.

Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag heraufführte.

Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der Jünger, ein viel schwächerer Accent. Es handelt sich für sie um einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.

Wo wir ein Nebeneinander von Messianitätserklärung, Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für sie: unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als Menschensohn geoffenbart werden. Zugleich machen sie sich Gedanken, was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen Existenz zufallen wird.