7. Chemische Anstalt.
In den siebzehn ersten Jahren der Periode 1835-1885 ist die im vorigen Abschnitt skizzierte Geschichte der physikalischen Anstalt zugleich diejenige der Chemischen. Auch nach der im Jahr 1852 erfolgten Trennung der Lehrstühle für Physik und Chemie blieben beide Institute, sowohl im Falkensteiner Hof als im Museum und später im Bernoullianum neben einander, und theilten ein so ähnliches Schicksal, dass wir — um bereits Gesagtes nicht zu wiederholen — uns kurz fassen können.
Der Glanzpunkt in der Geschichte der Anstalt fällt in die Zeit des Falkensteiner Hofes, wo, mit geringen Mitteln ausgeführt, die Epoche machenden Arbeiten von Schönbein über das Ozon und die Schiessbaumwolle die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf Basel lenkten. Heute, nachdem die Zahl ähnlicher Fälle von Allotropie und salpetersauren organischen Verbindungen sich ausserordentlich vermehrt hat, ist man kaum noch im Stande, die Summe von Scharfsinn zu würdigen, welche solche Entdeckungen erforderten, und das Aufsehen zu begreifen, welches sie damals hervorriefen. Dass schon vor Schönbein ein explodierbares Nitroamylum bekannt war, und dass nicht Er, sondern Genfer Forscher die wahre Natur des Ozons erkannten, vermindert durchaus nicht sein hohes Verdienst.
Durch seine geniale Persönlichkeit wirkte Schönbein auch als Lehrer äusserst anregend; aber die Spezialität seines Forschungsgebietes, die Originalität seiner Untersuchungsmethoden, sein Bedürfniss als Pionier der Wissenschaft, frei und unabhängig seine eigenen ungebahnten Wege zu gehen, alles dies und wohl auch der Mangel au Platz brachten es mit sich, dass er nur wenige Bevorzugte in sein Laboratorium aufnahm und den praktischen Unterricht, namentlich in der Analyse und in der organischen Chemie, nie streng schulmässig betrieb. Es fehlte in Basel ein eigentliches Praktikantenlaboratorium im modernen Sinne. Und doch wurde der Mangel eines solchen immer fühlbarer.
Die Erweiterung der medicinischen Fakultät, die Einführung des schweizerischen Konkordates für ärztliche Prüfungen, der enorme Aufschwung der organischen Chemie und der für Basel wichtigen Fabrikation künstlicher Farbstoffe, erforderten eine Berücksichtigung im chemischen Unterricht der philosophischen Fakultät. Dies war die nächste Aufgabe des nach dem Tode Schönbeins (1868) als dessen Nachfolger (1869) berufenen Unterzeichneten; welcher Aufgabe, Dank der wohlwollenden Unterstützung von Behörden und Privaten, zum Theil schon im alten Lokal im Museum, besser im neuen Bernoullianum (1874) entsprochen werden konnte.
Im neuen Gebäude erhielt die chemische Anstalt die östliche Hälfte mit Hörsaal, Vorbereitungszimmer, Sammlung, Arbeitszimmer und Privatlaboratorium des Vorstehers, analytisches und technisches Laboratorium für circa 25 Praktikanten, Wagen- und Bibliothekenzimmer, Werkstätte, Vorrathsräume, Keller und Hof. Während der daselbst verbrachten 23 Semester haben 414 Praktikanten (durchschnittlich 18 Praktikanten ohne Lehrer und Assistenten) in 10-45 wöchentlichen Stunden regelmässig gearbeitet. Bei der im Sommer 1885 erreichten Zahl von 41 Praktikanten waren allerdings die Nachtheile einer Ueberfüllung stark zu spüren. Der Vorsteher wurde für die Vorlesungen und das Praktikum, ausser von einem Diener, von je einem oder zwei, im ganzen acht verschiedenen Assistenten unterstützt, von denen drei habilitiert waren und in der Anstalt Spezialvorlesungen hielten.
Von wissenschaftlichen Arbeiten, die aus dem Institut hervorgegangen sind, können summarisch erwähnt werden solche über Chrysin und Tectochrysin, Resorcin, Nitrokresole, Cantharidin und Orthoxylol, Protamin, Anthrachinon, chemisch-physikalische Versuche (Piccard und Schüler); ferner zahlreiche Ergänzungen in den höheren Fettreihen, Dank einer verbesserten Methode der Destillation im luftleeren Raum (Krafft und Schüler); Untersuchungen in der unteren Fettreihe (Kahlbaum); neuerdings die Entdeckung von mehrfachen Chinoylen und Hexaoxybenzol, aus Chinon sowohl, als bei der merkwürdigen Synthese aus Kohlenoxydkalium (Nietzki und Schüler); und in anderen Gebieten von Hagenbuch, Salomon, Fèvre, Beck und Passavant, Andeer u.s.w. Zahlreiche Arbeiten in der angewandten Chemie wurden endlich vom Unterzeichneten während einer provisorischen Amtsdauer als Kantonschemiker ausgeführt, wodurch die chemische Anstalt, soweit als möglich ohne Beeinträchtigung ihres akademischen Charakters, in beständiger Fühlung mit der Basler Bürgerschaft und der Basler Industrie geblieben ist.
Die finanzielle Lage der Anstalt ist zwar im Vergleich mit ähnlichen Instituten scheinbar sehr bescheiden, indem wir gesetzlich vom Staate, ausser Assistenz, Bedienung, Heizung, Beleuchtung und baulicher Unterhaltung, bloss 3000 Fr. erhalten; aber allen wirklichen Bedürfnissen ist bisher auf die eine oder die andere Weise stets entsprochen worden. Von der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, vom Museumsverein, von zahlreichen Freunden der Universität, von chemischen Fabrikanten, von Sanitätsbehörden für hygienische Untersuchungen u.s.w. hat die chemische Anstalt in den elf Jahren an Geld- und Naturalbeiträgen über 20,000 Fr. empfangen, also circa ⅖ der gesammten Laboratoriumseinnahmen. Wir haben die auf lange Erfahrung gegründete Ueberzeugung, dass, so lange die Anstalt ihrem wissenschaftlichen und praktischen Zweck entspricht, sie nicht Noth leiden wird.
Jules Piccard.