Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: „Die Körperstärke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst; denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch nur ein armer Krüppel wäre.“
Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: „So, nun wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?“
„Ihr sollt sogar!“
„O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das, was man nur darf!“
„Ein großes Wort sprichst du gelassen aus“, deklamierte Kurt, dann fügte er hinzu: „Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen, damit es was zu lachen gibt!“
Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi meinte: „Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe lösen.“
Anna gestand in kläglichem Tone: „Es fällt mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte, dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.“
„Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein“, tröstete Tante Toni. „Übrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!“
„O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu rechnen!“ erwiderte Otto beleidigt. „Gib du nur auf den kleinen Rudi acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.“ Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den Berg hinauf.
„Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus“, klagte Lilly; „zieh mich doch nicht so fest!“