Begräbnis König Harald Hilvelands
Zuletzt noch gedenken wir der Erzählung eines altnordischen Sängers vom Begräbnis des Königs Harald Hilveland: „Am Tag nach der Schlacht von Brâvalle befahl der König Ring, den Leichnam König Haralds aufzuheben und ihm das Blut seiner Wunden sorgsam abzuwaschen; dann sollte er auf den Wagen gelegt werden, auf dem der Held im Kampfe gestanden hatte. Nachher wurde ihm ein Hügel getürmt und Harald auf dem edlen Renner dorthin geführt, der ihn im dichten Schlachtgetümmel getragen hatte. Das Roß wurde da getötet, und König Sigurd gab dem Toten seinen eigenen Sattel, indem er sagte, er überlasse es ihm, ob er in Walhalla einreiten oder einfahren wolle. Und ehe der Grabhügel sich schloß, lud König Sigurd seine Großen und Krieger ein, Ringe und schöne Waffenstücke in das Grab zu werfen.“
Wenn auch dieser Bericht nicht unbedeutend jünger ist als die Zeit, die uns hier beschäftigt, so spiegelt er doch allzu getreu die uralte nordische Art der Heldenbestattung wider, als daß wir ihn als Ergänzung zu dem oben Geschilderten missen dürften. Jedenfalls, wie uns hier diese Sitte in später heidnischer Zeit entgegentritt, blieben anderseits auch die christlichen Goten, Franken, Langobarden noch lange bei den alten Gepflogenheiten; es ist bekannt, daß bei germanischen Völkern das Beigeben von Schmuck und selbst Waffen sogar bis ins späteste Renaissancezeitalter noch geübt worden ist.
Wichtige Gräberfunde
Die Geschichte der hauptsächlichsten Gräber- und Schatzfunde ist von großem Interesse; sie bestimmt zugleich den Beginn und die Entwicklung der Würdigung und des Studiums dieser Kunsterzeugnisse. Erst auf sie gestützt war man in die Lage gesetzt, in ihnen nicht nur Dokumente hohen Alters, uralter Vormenschen, sondern solche einer eigenartigen und bedeutenden Kultur und Kunst zu sehen.
Tournai
Die erste große auf unserem Felde epochemachende Entdeckung machte man am 16. Mai 1653, als man in Tournai bei Bauarbeiten neben der Kirche St. Brice auf das Grab des Königs Childerich I., des Vaters Chlodowechs, stieß. Die Zahl und Kostbarkeit der gefundenen Schätze war außerordentlich groß: Waffen des Königs, Axt und Speer und viele verrostete Eisenreste, sodann ein Schwert mit Griff und Scheide, besetzt mit Gold und rotem Gestein, ein ähnlicher Skramasax, der Beschlag eines Kästchens, ein Pferdeschmuck in Gestalt eines goldenen Ochsenkopfes, dreihundert goldene Bienen, eine goldene Nadel, Spangen, Agraffen, Schnallen, Ringe, alles von Gold und meist mit roten Steinen oder Glas besetzt; Goldfäden als Reste von Gewändern; eine Tasche mit Goldbügel, reich mit Gold- und Silbermünzen gefüllt. Dieser Schatz ([Abb. 14], Tafel II) wanderte nach Brüssel, dann nach Wien, später kam der größte Teil als Geschenk für Ludwig XIV. nach Paris und blieb seitdem im Besitz der Nationalbibliothek, 1831 wurde er freilich durch Diebe entwendet und auf der Flucht in die Seine geworfen, doch meist wieder aufgefischt. Trotz vieler späterer blieb dieser Fund stets einer der bedeutsamsten. Die Reste der beiden Schwerter sind in ihrem Schmuck von Gold und Zellenglas in dieser Art noch immer das Schönste, was wir von solchen kennen[2].
Die hier in größter Vollkommenheit auftretende eigentümliche Schmucktechnik des „Zellenglases“ besteht darin, daß auf eine goldene Platte aufrechtstehende goldene Rippen oder schmale Goldstreifen in Mustern aufgelötet werden, welche Zellen oder Kästchen zwischen sich freilassen, die dann durch Almandine, Granaten oder andere Edelsteine, später durch prächtig gefärbtes Glas (verroterie) ausgefüllt wurden. Unter den sehr dünnen durchsichtigen Plättchen der Steine oder des Glases wurden gemusterte, meist gestreifte Goldblättchen (Folien) eingelegt, deren Muster und Glanz durch den Stein durchschimmert. Das Ganze hat nachher oft eine wunderbar glänzende Politur erhalten[3]. — Die farbige prachtvolle Wirkung dieser Art von Juwelier- und Goldschmiedearbeit ist von jeher höchlich bewundert worden; sie darf als eine nur den Germanen eigentümliche bezeichnet werden und scheint im Osten der germanischen Welt, bei den Goten am Schwarzen Meer ihren Ursprung gefunden zu haben; dort tritt sie schon an Arbeiten des 3. oder 4. Jahrhunderts auf; ihr Gebrauch blieb lebendig bis ins 10. Jahrhundert und gewann inzwischen vielleicht nur an einer gewissen Kraft und Gediegenheit. Es ist erstaunlich, daß, während andersfarbiges Glas, weißes, grünes und blaues, wie solches insbesondere von den Franken viel zur Abwechslung eingefügt wurde, heute meist völlig verwittert, wenigstens unscheinbar geworden ist, das granat- oder rubinrote sich überall bis heute unverändert leuchtend und prächtig erhalten hat.
III