Horte

So wissen wir auch aus unserer ältesten Poesie viel von dem Schatze, den jeder alte Germanenkönig besaß; wir wissen aus dem Nibelungenliede, in dem ja der Nibelungenhort jene so furchtbare bluttriefende Rolle spielt, daß jeder Fürst seinen Recken wie seinen Gästen mit reicher Goldgift lohnte und sie begabte, daß er dafür als „mild“ weit und breit gepriesen wurde. Freigebige Mildigkeit, die mit goldenen Ketten und Kleinodien, Bechern, Schwert, Helm und anderen kostbaren Gewaffen die Getreuen überströmte, war der erste Ruhmestitel des größten Königs.

Alles dies gewinnt doppelt an Bedeutung, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Hort des Königs auch gleichzeitig den Staatsschatz bildete, aus dem die öffentlichen Ausgaben für Volk und Heer bestritten wurden. Wir wissen, daß die südfranzösischen Westgoten in ihren erbitterten Kämpfen mit den Franken mehrfach ihres Hortes verlustig gingen, den sie zuletzt in der gewaltigen Feste Carcassonne bargen, die noch heute mit ihrem imponierenden Mauer- und Turmkranz als ein unvergleichliches Wunderbild aus längstvergangener Zeit über die Lande ragt. Überall suchten sich die Germanen für solchen Schutz burgartig hochgelegene starkumringte Städte, deren uns die spätere Hauptstadt des westgotischen Reiches in Spanien, Toledo, ein Gegenstück zum festen Carcassonne zeigt.

Von dieser Kunstliebe der germanischen Fürsten gewährt uns das Testament eines ihrer letzten, Karls des Großen, ein Bild, in dem der sterbende Kaiser über seine Schätze zugunsten von Kirche und Armen, von Stiftungen und auch seiner Söhne verfügt; einen Schimmer davon, welche Schätze der mächtige Mann in seinem Palast zu Aachen aufgehäuft hatte.

Schatzfunde


Als die bedeutsamste Ergänzung traten kleinere und größere wirkliche Schatzfunde hierzu. Dergleichen kam wohl überall gelegentlich vor, in großem Maßstabe aber besonders in Ungarn und weiter im Osten. So kam schon 1797 in Szilagy-Somlyó plötzlich ein kleiner Hort, 1889 ein zweiter zutage, die man offenbar, um sie zu sichern, vergraben hatte; Ketten, Gehänge, Armbänder, Gürtel, Medaillons, prachtvolle Spangen mit reichem Steinbesatz, Schalen, Ringe, eine gewaltig große Goldfibel mit reichen Steinen von stärkster Plastik, vielleicht ein kaiserliches Kleinod u. dgl. m.[7]

Petrossa

Großes Aufsehen erregte aber vor 20 Jahren der umfangreiche Goldfund von Petrossa (Petreosa) in Rumänien, den man für den Schatz des Gotenkönigs Athanarich († 381) erklärt. Erhebliche Stücke davon sind in den Besitz des Königs von Rumänien gerettet, von denen große Amphoren, eine diskusförmige Platte mit getriebenen Figuren, zwei kleinere schlanke Krüge, eine Fibel in Gestalt eines Sperbers, zwei in Vogelform, reicher Halsschmuck, zwei durchbrochene Schalen die Hauptstücke bilden. Auch hier, wie bei allen Arbeiten aus dem Besitze der Goten, spielt ein überreicher Besatz von roten Steinen, als Plättchen in Zellen und Kästchen ein-, wie in runden, erhabenen Formen aufgesetzt, die wichtigste Rolle. So weit aber die Goten ihren Bereich und ihre Wohnsitze erstreckten, so weit findet man dergleichen häufig, und Hampels Buch, welches doch nur von dem in Ungarn, einem Hauptsitze der Ostgoten, ehe sie in Italien einbrachen, Gefundenen handelt, enthält eine Menge solcher Kleinodien aller Art.

Die Ergebnisse der Nachforschungen in jenen Gegenden, Südrußland einbegriffen, zeigen uns unter den germanischen die gotischen Völker als die ersten Träger dieses neuen Kunstgeschmackes, der so rasch sich über alle verbreiten sollte. Sie mögen, wie man glaubt, dazu starke Anregungen nicht nur aus dem oströmischen Reiche und von der griechischen Kultur, sondern selbst von Persien aus und von den Sassaniden her empfangen haben. Aber sie haben zuerst auf solchen ihnen gewordenen Grundlagen neu aufgebaut und eine neue germanische Kleinkunst zu begründen verstanden.