Abb. 45. Steingesimse im Holzstil.


GRÖSSERES BILD

Profilierung und Einzelbildung im Holzstile

Nicht minder entscheidend aber für unsere Erkenntnis der frühesten deutschen Baukunst ist die Behandlung von Gesimsen und Profilen. Ihre Gestaltung in der Antike ist bekannt genug. Man erinnere sich nur daran, daß diese vorwiegend aus dünnen Platten bestehenden Gliederungen weit vorspringen und meist gleichzeitig zum Wasserabtropfen bestimmt, also unterhöhlt, in scharfen Linien die Fläche durchschneiden, tiefe Schatten werfend, trennend und begrenzend.

Die älteste germanische Baukunst verzichtet dagegen im allgemeinen durchaus auf solche Gesimse, kennt vielmehr fast nur eingegrabene Linien, Kehlen, Stäbe u. dgl. zur Gliederung der Vorderflächen liegender Steinbalken ([Abb. 45]). Ganz genau dasselbe finden wir in unserem alten Holzbau ([Abb. 44]). Insbesondere die Horizontalbalken werden durch längslaufende Kehlung geschmückt und gegliedert; wo sie in der Fläche liegen, nur auf der Vorderseite; vorspringende manchmal auch um die Kante.

Die hier angewandten Profile sind denn ausschließlich Hohlkehlen und Stäbe nebeneinander mit scharfen oder schrägen Kanten dazwischen; der Schlüssel zu der Sonderart der Profilierung, deren sich die alten germanischen Bauleute, auch im Stein, überall bedienten.

Für die aufrechten Balken verzichtet der Zimmermann von jeher meist auf Gliederung, sofern es sich nicht gerade um Ecken handelt. In diese aber setzt er rechtwinkelig eingreifend gerne besondere Stäbe, gewundene oder gekerbte, oder auch kleine Säulchen ein. Die sogenannte Falzsäule (vgl. [Abb. 44]).

Ist es dann erstaunlich, wenn wir im Süden schon bei ganz frühen germanischen Zierwerken in Stein an den Ecken die Falzsäule anstatt des römischen Pilasters wiederfinden? — So an westgotischen Sarkophagen in Toulouse ([Abb. 46]). — Und ist es dann merkwürdig, wenn uns von dem Auftreten der Germanen an im Süden Europas auch sonst so häufig als Brechung der Ecke die Falzsäule begegnet, die dann im romanischen Stile geradezu herrschend auftritt? Überall findet man in der Folge dann kleine Säulen in Winkel und Ecken gestellt, diese ausfüllend, als neues Motiv in der Baukunst, wo bis dahin die große und kleine Säule nur freistehend oder angelehnt angewandt wurde.

Welche Ausbreitung auch dies in der romanischen Zeit gewonnen hat, ist bekannt. —