Der weitere Fortschritt der Kapitellentwicklung zeitigt nun eine vielgestaltige Menge von Grundformen ([Abb. 48]). Langsames Abweichen von der zuerst erstrebten antiken Gestalt, wobei sich auch wunderlichste Umbildungen des so charakteristischen jonischen Kapitells hervortun, bis zur Erfindung des rein tektonischen Würfelkapitells, das in seiner eigentlichsten Ausbildung freilich erst dem deutschen frühromanischen Stil vorbehalten geblieben sein wird. Aber die Vorstufen dazu, die nicht minder der Drehbank ihren Anfang zu verdanken scheinen, sind schon uralt.
Jedenfalls ist das eigentlich neue und fruchtbringende in diesen Arbeiten in der Richtung zu finden, die schon das byzantinische Trapezkapitell eingeschlagen hatte: in der Vermittelung des viereckigen Kapitellklotzes oder seines Oberrandes zu dem runden Schafte durch irgendwelche Übergänge. Als einfachste Form erscheinen hierbei zunächst die durch zuerst langsames dann stärkeres Abrunden der oberen scharfen Ecken hervorgebrachten Überführungen, die oft in primitivster Roheit, oft in fein motivierter Durchbildung auftreten. Manchmal wird der Übergang durch Ornament verdeckt.
Auch das langobardische in die nordisch-germanische Backsteinkunst übergegangene Trapezkapitell von S. Lorenzo in Verona gehört hierher.
Nicht minder aber die zahllosen echt germanischen Versuche, den Übergang durch einfaches Auskehlen der Ecke, zuerst ins Achteck, dann ins Rund zu erzielen; eine Form, die als dem Würfelkapitell ebenbürtig zu bezeichnen und erstaunlich fruchtbar gewesen ist.
Ferner ist höchst anziehend die jüngste dieser Gestaltungen, die Becherform als Kapitell auf dem Halse der Säule, bei der die überstehenden Ecken der Vierecksdeckplatte durch irgendwelche Eckauswüchse, Knöpfe, Schnecken, auch gar Menschenköpfe getragen werden. Eine im Charakter urnordische Erfindung von oft wildphantastischer Wirkung.
Man könnte ungeheure Musterkarten solcher Erfindungen jener kurzen Jahrhunderte zusammenstellen von einem gegenüber den immerhin begrenzten antiken Kapitellformen erstaunlichen Ideenreichtum, der dadurch sich vervielfältigt, daß die verschiedensten jener Grundgedanken miteinander kombiniert werden.
Abb. 49. Ingelheim. Kapitelle.
Ferner fügen sich zu diesen Grundformen die merkwürdigsten Ausgestaltungen. So anstatt des Akanthusblattes, wenn es sich einmal darum handelte, die für solche Blätter vorgesehene Fläche (Hakenblätter) wirklich auszuarbeiten, eine Durchbildung zu oft höchst malerisch angeordneten Einzelblättern. Dafür bezeichnend sind die beiden prächtigen aus der Pfalz zu Ingelheim stammenden Kapitelle in Mainz ([Abb. 49]), von ganz außerordentlich interessanter Wirkung und Behandlung, die auch einem völlig modernen Künstler wohl Freude machen können. Diese Eigenart hält sich bis ins 10. Jahrhundert (Quedlinburg).
Hier (Ingelheim) tritt aber auch noch der obere Rand der Blätter stark wulstig als eine Art Arkade, Bogenfries auf, und bezeichnet wieder einen neuen Gedanken, der öfters zur Durchbildung gelangt (Aquileja) ([Abb. 50]).