Die schmalen Fenster jener Zeit sind öfters innen und außen stark verschieden, innen meist reicher gestaltet, wie denn jene Zeit etwaige Prachtentfaltung selten dem Äußeren zuwandte. So sind in Germigny-des-Prés die Fenster oben — vielleicht einst auch unten — mit Halbsäulchen und reichen Archivolten in Stuck eingefaßt (vgl. [Abb. 65]) — in St. Jean zu Poitiers sind sie bereits durch in Ecken eingesetzte Falzsäulchen flankiert, wie in der Folge so vielfach.

Es mag hier uns das allermeiste verloren gegangen sein. Denn wo steht überhaupt ein kirchlicher Innenraum Altgermaniens noch unverletzt aufrecht? — — Germigny-des-Prés ist seiner originalen Ausgestaltung fast ganz beraubt, die meist durch schwächliche Nachbildung ersetzt ist. Am meisten dürfte in S. M. in Valle in Cividale vorhanden sein, wo wir die prächtigste Fensterumrahmung aus Stuck mit kräftigen Halbsäulen und üppiger Bekrönung durch eine sehr schöne halbdurchbrochene Archivolte noch in situ vorfinden (s. [Abb. 104], Tafel XXIX). In Disentis am Gotthard hat man aus den Trümmern der Kirchenruine ebenfalls die Reste einst auf Halbsäulen sitzender Fensterarchivolten herausgegraben, deren Formen hier mehr als sonst dem Holzstil angehören[19] (s. [Abb. 65]).

Fensterverschlußplatten

Daneben könnten die Fensterverschlußplatten ein besonderes Kapitel beanspruchen; die durchbrochenen Platten, mit denen die Fensterlöcher nach außen gefüllt wurden, die die Glasfenster zu ersetzen hatten, deren es damals für solche Zwecke gar zu wenige gab. Daher man die Fensteröffnungen an sich so klein als möglich machte, um wenigstens Sturm, Regen und Schnee nach Möglichkeit auszuschließen. Haut, Stoff und anderes als Glasersatz verbot sich wohl bei Kirchen. Für den Süden ist das Hilfsmittel, die Lichtöffnungen der Kirchen mit durchbrochenen Marmorplatten zu schließen, bei der dortigen Lichtfülle und dem milden Klima leicht verständlich und genügend. Dieses Material, dünn genug geschnitten, ist überhaupt schon lichtdurchlässig, und so mochten einige kleine Öffnungen, planlos oder ohne besonderen Anspruch auf Zeichnung eingeschnitten, wohl schon genügen, um das Bedürfnis nach Licht, das in den Kirchen ja viel geringer ist als sonst, zu befriedigen.

Mit dem Vordringen der Germanen nach dem Süden werden diese Platten der Gegenstand reicherer Ausgestaltung und Zierung. Die Barbaren übernehmen zunächst den Gedanken ohne weiteres, verpflanzen ihn auch nach Norden; in Frankreich, selbst in England sind solche Fensterplatten mit reichem dichtem Gitterwerk nicht allzu selten. Aber der ganz weiße durchscheinende Marmor fehlte im Norden, und so entstand das Bedürfnis nach stärkeren Öffnungen von selbst, die dann, wo das möglich war, mit Glas ausgefüllt wurden. Die Araber haben solche Fenstereinsätze aus Gipsplatten, mit buntem Glas geschlossen, in Nordafrika noch heute viel im Gebrauche[20].

Die Verbreitung solcher ganz reich verzierter Fensterplatten, die in echt germanischen Schlingmustern, in Bogenfriesen und Arkadengalerien mit Säulchen in reinem Holzstil — kurz im ganzen uns bekannten Zierwerk des Nordens durchgebildet sind, geht aber so weit, als die Germanen zogen ([Abb. 61]). Sie sind bei den Vandalen in Afrika, den Westgoten in Spanien, den Franken in Gallien, den Angelsachsen in England, den Langobarden in Italien zu Hause[21]. In Deutschland und weiter im Norden fehlen größere durchbrochene Fensterplatten dagegen scheinbar ganz, wohl weil das Licht sonst nicht mehr ausreichte; freilich könnte es seinen Grund auch darin haben, daß sie nach dem 8. und 9. Jahrhundert überhaupt nicht mehr vorzukommen scheinen, die kirchliche Bautätigkeit in Deutschland aber erst damals begann.

Übrigens sind steinerne durchbrochene Verschlüsse für sehr kleine Öffnungen (nicht Kirchenfenster) in Deutschland, später im 11. und 12. Jahrhundert, nicht ganz selten, insbesondere in Türmen, was die Möglichkeit offen läßt, daß gleicher Gebrauch, dessen Dokumente verschwunden sind, für Kirchenfenster vielleicht doch geübt gewesen sein könnte.

In Dänemark finden wir bei Kirchenfenstern in romanischer Zeit übrigens auch hölzerne durchbrochene Fensterplatten, für Glaseinsätze mit Falz versehen, die auf ähnliche Fensterbildung schließen lassen. Auch im angelsächsischen England werden durchbrochene Holzbretter als Fensterverschlüsse erwähnt. Dies dürfte den Gedanken nahelegen, daß in nordgermanischen Ländern früher vielleicht auch durchbrochene Holzläden die Stelle von Fenstern versehen haben könnten.

Abb. 61. Ost- und westgotische, langobardische und angelsächsische Fensterplatten.