„Herrlich!“ sagte Benno. „Siehst du: der Weg der Opfer zur Gralsburg. Das Glashaus hinten erschien mir, als ich ein Junge war, immer als Burg Munsalväsche, und besonders am Abend, wenn nur die Dächer und Kuppen in roten und goldenen Feuern flammten, sah ich drinnen die erhöhten Sitze, alabasterne Säulen, den Zug der heiligen Frauen, und ich hörte den Gesang der Templeisen.“
„Ja, das kann ich mir denken. Und — siehst du — die vier Lindenreihen mit den kahl nach oben strebenden Zweigen — sind sie nicht wie Ruinen gotischer Gänge, aus denen die Wölbungen herausgebrochen sind? — Ach Gott sei Dank, daß ich wieder hier bin! Sieh nur die entzückende Fernsicht da links in den Park!“
Auch dort lagen die noch graulich grünen Wiesen der Anlagen mit zartem Buschwerk, mit den schwärzlich durchsichtigen Gruppen der Bäume dampfend in feuchter Bläue und sanftem Golde, das in den Himmel von beseligtem Blau leise verging. Weit und breit war kein Mensch zu sehn; sie gingen langsam und sehr zufrieden zur Linken in die Fußgängerallee, Benno, mit plötzlichem Ruck seinen Mantel aufreißend und den Schlapphut vom Kopfe schwenkend. Augenblicke später brach Georgs Herz und Mund unwiderstehlich zur Rede auf.
„Ach, Benno,“ sagte er, seinen Arm ergreifend, um den Größeren zum Ausgleich wenigstens an sich heran, wo nicht herab zu ziehn, „Benno, von was anderm kann man denn jetzt reden als von Renate und von der Liebe. Du hast recht, die Weinstube war unpassend. Jetzt streicht die Luft durch das Herz und macht es geschmeidig mit Feuchte. Reden wir — de amore!“
„De amore?“ sagte Benno vergnüglich seufzend. „In amore scheinst du ja seltsame Dinge erlebt zu haben.“
„Wieso, Benno? Wie kommst du darauf? Ach, dir liegt womöglich noch der Aphorismus auf der Seele, den ich dir einmal schrieb! Na, das war so ein Span, aber — du kannst mir glauben, ich habe mir fürchterlich das Hirn zergrübelt, namentlich in der letzten Zeit, wo ich schon ganz von Gott verlassen war. Übrigens — erinnerst du dich noch an Fliddridd?“
„Fliddridd?“ Benno erinnerte sich dunkel. „So eine Rothaarige in Helenenruh, im Büro deines Vaters, war sie das?“
„Das war sie. Nun ist sie Gott weiß wo. Kaum war ich nämlich drei Tage in München, so erschien sie bei mir und — na, das Weitere ergab sich aus der Lage. Als ich sie aber grade in eine Dame verwandelt hatte — oh sie hatte ein Teufelstalent! —, wurde ich aktiv, und die Natur der Lage ergab, daß wir uns wieder trennten. Aber ich habe gelernt von ihr, viel gelernt ...“
„In amore?“
„Wie sardonisch du fragst, Benno! Kleine Erlebnisse und große Erfahrungen. Erlebnisse sind wie Zwiebeln; man muß viele Häute auseinanderwickeln und gelangt zum fabelhaftesten Kern mitunter. Einen fand ich — — ja, leider kann ich ihn dir nicht beweisen, vielmehr ist grade der eher ein Gefühl, das aber so plötzlich erkenntnishaft vor mir aufflammte, daß ich erschrak. Das war nämlich die Erkenntnis, daß — höre zu, Benno! — daß jenes Wollustempfinden des Liebesaktes in Wahrheit keine Lust, sondern vielmehr ein ungeheurer Schmerz ist.“