So entschloß er sich, aufzustehen, und ging hinaus.

Abendtisch

Also darum? Merkwürdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des Flügels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstöcken stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflücken, derweil oben über der Brüstung eben die Andern sich um den Tisch niederließen, so daß von ihnen alles verschwand, während Georg näher ging, bis auf Köpfe und Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als äußerlich fortwährend überlaufen, klopfte ihm stärker das Herz bei dem Gedanken, daß sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errötete sonderbar und lächelte. Georg, nach einem Einfalle jagend für eine Verabredung nach dem Essen, fand nichts und sagte schließlich stockend, auch von einer plötzlichen und süßen Reue ergriffen: „Du mußt mir noch von deinem Fluge erzählen, ja?“

Da hatte sie sich wieder dem weißen Rosenstock zugewandt, der etwas niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern mit abgefallenen Blättern bedeckt, und von den Blüten am Strauch waren nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben Staubgefäße. Er sah das alles, neben ihr stehend, während sie nur leise, ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich etwas überbeugend, den Stamm erfaßte und leicht schüttelte, so daß noch Regentropfen und eine Menge Blätter abflatterten; gleichzeitig, als ob sie allein wäre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelächter tönte und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links von ihm Kopf und grüner Rücken des Leutnants. — Sie wollte nun eine noch halb geschlossene Rose ablösen, aber der Stiel war zäh, Georg sah versunken zu, wie sie heftiger zerrte, — Blätter über Blätter entflatterten beständig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich hatte sie die weiße Blüte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu Georg und streckte ihm lächelnd den Finger entgegen, sanft damit über seine Lippen streichend, so daß der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf sank allgemach auf die Brust ...

„Anna! — Ist dir etwas? — Anna!“ brachte er heiser hervor.

Sie sah verwirrt auf, schien plötzlich zu begreifen, wo sie war, lachte hell auf.

„Nachher! Nachher!“ rief sie ihm zu, während sie den Weg hinab, um die Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben ihm sah auf, lächelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zwischen den Leutnant und Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick zu ihm herüber, und als er ihn traf, versüßte ihr ganzes Gesicht mit einem innern Erschrecken sich dergestalt, daß ihm das Herz stillstand. Sie schlug die Augen nieder. Nun wußte er alles, alles! Einen Augenblick war alle Angst verflogen, das Süße, das er bekommen hatte, durchsickerte ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurück, aber nun lauerten Ahnungen, überwältigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe, von denen er den Blick wegwenden mußte, um alles aufzusparen, und so saß er denn in sich selbst wie in einem schütteren Gehäus von Gluten und Frost, aß derweil, nahm von Schüsseln und Platten, die links von ihm erschienen, und aß Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es nun war, saß und brauste, und war umbraust von vor- und rückwärts bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mündern, Gabeln, die auf und nieder gingen, Gläsern, sah dazwischen plötzlich das Gesicht von Franz, der, eine Schüssel reichend, mit unerschüttertem Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles vergangen, eine Wasserfläche schien vor ihm zu sein, in die beständig kleine Steine geworfen wurden, so daß es Ringe gab, die sich ausdehnten, einander kreuzten, aufhörten und wieder begannen, bis das Wasser schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.

Einmal hörte er lauter Gelächter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas leichtes, reines, Baschkirtseffs prächtiges, schön abgedämpftes Bühnengelächter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus Erz. Einmal dachte er, sie schössen unablässig mit kleinen Pfeilen aufeinander über den Tisch, und eine Weile später merkte er, dies Pfeileschießen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federbälle, ungefährlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden aufgefangen und zurückgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter weit hintenüberlegen mußte, und übrigens schienen mehr Bälle im Spiel zu sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, daß einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?

Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mädchen und Maler, Papa, Mama, Onkel Salomon und der große Chalybäus, und doch war dies ein schönes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars der, möglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten, wo es doch noch weniger waren?

„Warum so still, mein Junge?“ hörte er indem seine Mutter sagen und sah sie auf einmal zu ihm herübernicken.