Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht drin: „Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß, ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.“ Mir zur Strafe hab ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem, so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik bald komisch erscheinen. — Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so fremd wie — — ach, was wissen wir voneinander!
Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören, wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und die erschütternde Verzweiflung.
Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese Zeit der Windstille im Jahr, — ich vergaß das Wort. Er, gleich verstehend wie stets — ja, wenn ich ihn nicht hätte! — sagte: Wenn der Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. — Dann, sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. — Ja, wer weiß denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.
Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal schickte:
Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand
Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt,
Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...
Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, — schloß es nicht so? Genug. Leb innig wohl!
Renate