Ja — fiel ihm ein — und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von gequälter Lust und verzückter Qual — was wäre die Folge für das Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude haben, sondern — sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder — mit einem Worte: Ernst. Und das würde — klassisch sein, weil harmonisch; das andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, — haben wir nicht einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? — Ja, wo ist wohl Sigurd?

Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen — dick mit Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles —, ein paar Zinnteller, Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel, Pistolen und derlei Zeug, — und als er ins dunkle Innre spähte, ließ sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die unerkennbare Dinge enthielt.

Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart fortgejagt.

Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche, entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes, öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am Fuß, — ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig, mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen Kircheninnern — er atmete den Weihrauch —, hatte er sonderbarerweise die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.

Ich nehme es ihr mit, — oh — ah ja! aus diesem Kelch will ich dein süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, — er hätte ja wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es ja wohl — Altwedel wäre doch Kurort —, aber im Winter komme fast niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog, daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.

Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte, fuhr sie los: „Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei mir man nichts ein! Nee, mein Herr —“ Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es hin — „das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich zahlen können, denn lassen Se’s ebent, denn bleibt das Glas hier.“

„Aber — aber mein —“ Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie war gemein. — Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: „Wolln Se Ihre fünf Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen beschuppen, un denn haben se’n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen ...“ Die Tür fiel wimmernd zu.

Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.

Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!

Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!