Nun hielt ers für das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer wogte ihre Brust.

„Möchtest du’s denn gern?“ flüsterte sie kaum hörbar und räusperte sich. — Er drückte sie an sich. „Wart ein Weilchen“, sagte sie schnell, drückte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.

Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich sollte nie fragen! sagte sie im Anfang — und nun kommt es doch, ganz von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa hätte auch nicht geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? — Eines Tages hätte es sich von selber ergeben, und dann wäre es auch vermutlich nicht halb so schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankündigte ...

Er mußte jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf unhörbaren Füßen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr weiß.

„Setz dich ins Sofa“, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:

„Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermählt wurde, und der von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann sprechen.“

Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme noch nie so gehört hatte, so tief und tönend, so voll aufkeimender Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick, unsäglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.

Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel — ihr Leib glänzte fast metallisch auf in der Dunkelheit —, glitt bis zu den Hüften, wo ihre linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als würde sie von einer andern gefaßt. Sie hielt den Kopf lauschend vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: „Weh über mich!“

Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt — kaum daß Georg noch Worte vernahm, so flutete eine maßlose Stimme durch den Raum, wie ein Engel in tosenden Flügeln —

„Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt!