„Einen blonden?“ fragte Irene erschreckt und blieb stehn, „dann war es wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?“
„Einen Havelock und eine englische —“
„Albert!“ schrie Irene, „mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor acht Tagen! Aber das ist ja —! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu — Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja —“ damit war sie fliegend hinaus.
Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf. Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens — sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken, zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte, legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen wurde glühend rot und entlief, — zu Renate sagte er nur: „Das sind alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen; was sie tut, unterschreib ich.“
Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen. Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei ihnen. — Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland. — Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten sollte ...
Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: „Da ist der Kalender.“
Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.
„Also, Kalender,“ sagte er, „können Sie nicht etwas anregend wirken? Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.“
Jason erwiderte höflich: „Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...“
„Zweie?“ Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von der Seite durch die Brille an. „Sie haben ja ’n Vogel!“