Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das gleiche ...

„Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa?“ begann Georg nach einer Weile.

Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich ja lange konnten, geschrieben, daß er sein Entlassungsgesuch eingereicht habe. Im ganzen handle es sich nun also um fünf neue Männer, die zu beschaffen wären, denn Kultus und Landwirtschaft müßten ja nun vom alten Ministerium des Innern abgespalten werden.

„Birnbaum übernimmt die Finanzen, ich will es so,“ sagte der Herzog, „ein Strohmann, der den Titel und die Orden umherträgt, findet sich überall.“

Ob er schon für den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater meinte, er hätte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte plötzlich und meinte:

„Wer wird denn nun eigentlich hier der Großherzog und wer der Strohmann mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhäusern und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lächeln, während im Hintergrunde der Papa ‚am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter Opus aufs Papier wirft‘, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.“

„Ich verbürge mich dir,“ schwor der Herzog, „nach spätestens einem Jahr ziehe ich mich nach Lesum zurück und veredle Schafe und Hühner.“ Georg lachte, bis er heiser wurde. — Jawohl, Georg würde schon sehn, wie ihm im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend etwas von Kalibohrung verstünde! Ob er eine Ahnung hätte, wie die Kaliförderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen ließe? Wie viele neue Eisenbahnlinien er — etwa — im Auge habe. Und was er von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke für Beuglenburg? Wie viele und welche Kanäle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten, hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestüt, das einmal berühmt war?

Georg ließ alles fröhlich über sich ergehn und sagte, er wüßte einen Amtshauptmann. „Schley heißt er, das heißt seit gestern; vorgestern hieß er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg für eine Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr angefreundet, das heißt, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet, aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprächen ungemein schätzen und kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Dörfer mit ihm zu einer Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir vorschlage, nämlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn weiß; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein teilnehmend und — nun, das läßt sich eben nicht beschreiben; er hat die Gabe — du hast sie ja auch —, aus jedem Menschen gleich das Beste herauszuholen, und ist überhaupt unwiderstehlich. Genügt das? Den Reichstag hat er satt, also —?“ Sein Vater stand auf und setzte sich an den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.

Georg blickte verträumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag sein Großherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rücken und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es würde eine herrliche Zeit anbrechen. Keine Träume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen Fingern spürte er schon das Gewimmel der tausend großen beweglichen Gegenstände, — wie der Odem eines Tieres, heiß und wild, schnob ihn der neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefällig ...

Wenn aber Virgo kommt, muß Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort eine schöne Rede auf mich halten. „Ja, wie ist es nun, Papa,“ sagte er, als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, „glaubst du nicht an die Möglichkeit, daß du mir jetzt im Wege sein könntest?“