„Komm, Esther, wir wollen gehn“, sagte er, und sie stand auf. — Georg ging willenlos mit.

Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg sich hier verabschieden wollte, hörte er Esther zum ersten Male nach den wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er hier wohne? — Leider, gab Georg zurück, sei die Einrichtung noch nicht fertig, sonst würde er sie bitten, hereinzukommen.

„Siehst du, Sigurd,“ sagte sie da ganz heiter, „nun komme ich doch hinein!“

„Sie hat es sich als kleines Kind schon gewünscht,“ erklärte ihr Bruder, „einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun freilich.“

Georg meinte, das Stück hinter dem Schlößchen sei nur klein, aber es würde ihn doch sehr freuen, — was nicht aufrichtig war, denn er hatte keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er haßte Verlobungen. — Also schieden die Geschwister von ihm.

Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte oder in die für die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemächer. Aber nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdüsterten Raum voller Bücherkisten, Teppichballen und Möbeln in Lattenkäfigen, und einem weiteren durch die Gartentür ins Freie, ob etwa aus Bennos Fenstern Licht falle — doch alles war dunkel dort —, wanderte er schlaff und unfähig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natürlich bei Renate war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im Hause, und dies — nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor ihren Augen zu Renate zu beten.

Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg. ‚Keinen Kaddosch wird man sagen ...‘ Dieser Sigurd war gewiß ein ungewöhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen, seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und — ja vor allem seiner Hülfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf herausziehen können. Also was bleibt mir übrig?

Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nächte durchsausen, saufen, speien, johlen, Zoten hören. Ach, wenn nur die studentische Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswürdig wäre! Wenns noch Freude wäre, Überschwang, Lebensüberfülle, wahre Ausgelassenheit voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen und der Stumpfsinn herein, sie betäuben sich, anstatt sich zu befreien, vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es, sie brennen ja von nichts und für nichts, ja sie brennen bloß von Alkohol, von Spiritus, dünne, kraftlose Flämmchen, — o Renate, Renate!

Georg mußte sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich etwas Haltung gewonnen.

Was also muß ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen abschreiben oder nicht abschreiben? — Es durchzuckte ihn, daß er diese Last auf sich nehmen müsse, wegen der — Maske, die sich gerade im ständigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber — dachte er — ein besonders schweres Stück Weges jetzt — und dann Freiheit so oder so, als die lange Ungewißheit, Ratlosigkeit, und so — Verschleppung.