Georg blätterte weiter in seinem Heft, über Seiten voller Verse hin, Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! — Dann kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte — indem es ja sein höchster und heimlichster Traum war, daß sie, dieser wunderbarlichste Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einführen lasse, — Ergüsse, Lobgesänge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa ...

Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn und — — entschwinden in die Luft.

Da stand geschrieben:

„Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stück Natur, Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle Muschel, wenn der unablässige Donner der See mich mit lärmendem Geläute erfüllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fühls, ich leere, ich reinige mich. —“

Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch über dies ossianische Eiland von grauem und rötlichem Fels, dies titanische Gefüge, Grotten, Felsenbögen und Höhlen wie auf Odysseebildern von Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da ließen wirs uns wohl sein, rollten im Ufersand gegen die Brandung, stürmten über den Felsendamm zwischen den beiden Inselhälften, hundert Meter über der Meeresfläche, mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild anrennenden Wind, schrien den englischen Möwen auf Deutsch unverständliche Beschimpfungen zu — dann —, dann schoß ich Kaninchen auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir eines Tages das Gedächtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt wuchs und riesige Früchte, die herunterstürzten, mich zu erschlagen drohten, da — ja, da vergingst du in Schaudern über das unerhörte Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen würde ...

Und Georg erinnerte sich, wie sie nächtelang miteinander sich besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten, des Ideales hier, ein Fürst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trübe umher — nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut geschöpft, und nachdem er früher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu schreiben, aus Furcht, Beethoven könnte es ihm verargen, so getraute er sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...

Und dann lagen wir auf einer der grünen, windüberstrichenen Inseln im Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, träumten Buntes und Phantastisches, für Benno Unerhörtes, Gloria und Kränze, Frauen und Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weiße, nackte Frauenleiber in einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften, gelben Tigern und schwarzen Leoparden.

Bennos Schritte näherten sich der Tür, Georg hörte ihn fragen hinter seinem Rücken: „Schreibst du?“

„Nein, ich lese bloß! Du willst wohl schlafen gehn?“

Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dünn- und langhalsiger in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglüht und beschämt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen, gleich die Beine übereinanderlegend und sich schmal machend vor angeborener Demut. Der rötliche Schnurrbart hing zerzaust und wie bestraft, die Augen gingen — wie immer — nach oben.