Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich nun verwandelt glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben? Sie vollbrachte das Mögliche, sie stieß bis zur Grenze vor, — und das, sagt Jason, ist der einzig bekannte Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. — So ist sie am Ziel.
Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie gleich fort, und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam. Als ob alles umher sich verwandelte und abfiele. Herr, mein Gott, was soll denn noch geschehen mit mir? Auf einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich traurig an und sagte eine Menge Dinge, von denen ich nicht ein Wort verstehen konnte, ich war verzweifelt und rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! — Da nickte er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich nun ganz seinem Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja! und erwachte voll Grauen.
am 26., München
Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda und Jason noch zusammen, und auf einmal war mirs, als sähe ich alles zum letzten Mal, ja, so eigen, als wäre es das Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich konnte mir nicht vorstellen, was sein würde, ich dachte gepeinigt nur immer ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: Morgen ist alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß ein Verurteilter empfinden am Abend vor seiner Hinrichtung. Ich sah auch alles so übergenau: den schönen Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die Skizzen im Rahmen von Vaters Hand — jeden Tag wollte ich sie fortnehmen, nun ließ ich sie doch hängen —, die liebe Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker, das runde Fenster und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine Olive. Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür zum Garten, erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern und die alte Steinpforte zum Traubengarten. Herrlich war es immer damals, unter diesen hochgezogenen Lauben zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das Haar in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese da mit zwei hohen Pappeln und einer Quelle zwischen Steinblöcken.
In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre ich schon fort. Die immer unstet und flüchtig aussehenden Koffer standen umher, das Glas mit den Blumen lag vom Wind umgeworfen, die Blumen waren welk.
Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im Wagen, gleich ging es rechts die steile Straße hinauf zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und wieder sprach es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz klopfte mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles und nichts, plötzlich erschrak ich, zu bemerken, daß es noch dunkel war, mir schien wirklich, ich träumte, woher war es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das Frieren. Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen umgeben, der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und Feigen, deren Blätter so würzig duften bei Nacht. Alles schien mir ewig vertraut und bekannt, und alles, dacht ich, wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme ich ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort hinauf, steil und steiler, und ich sah, mich zurückwendend, den See schon tief unter mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, und fern im Himmel standen die wunderbar großen, fremden Sterne des Südens friedvoll über der schlafenden Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie trabten langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße, da war der starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so beruhigend wirklich und alltäglich da, und minutenlang war es nur eine Fahrt, auf einer Landstraße, im bekannten Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der Posten heran, las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da dacht ich, nun müßte ich aus dem Wagen springen und zurücklaufen, alles noch einmal nah haben am Herzen, aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem einzig geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, stehend im Wagen, und so entschwand es, — die Pferde zogen an, der Weg senkte sich, plötzlich fuhren wir durch Nago, und der See war verschwunden. Da, da! der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit, zur Ruine hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken klettern, — oh mein Vater, mein Vater! Ich sah und ich sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte brennend und wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen, leuchtete weiß im starken Licht. Wieder ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, dunkle Häuser, ein einsamer Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht zu sehn, ich dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht er, nun spricht er dich an! Ich sah und ich sah. Loppio, die schöne Kirche mit den weißen Säulen, der kleine See dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für jedes kleinste Geräusch und im Fieber. Warum wollte es denn gar nicht Tag werden? Der Mond stand immer noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, ich vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete sich das Tal, und mit einemmal blitzten Lichter auf, rote, grüne, von fern schrie ein gellender Pfiff in die Stille hinaus, da war auch schon die Eisenbahnbrücke von Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem Bahnhof.
Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: Nach Haus! nach Haus!
Und was dort? — Und was dort?
Zu Haus
Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun mußte es ja kommen, nun mußte er da sein, der Brief, oh endlich der Brief, in dem alles stehen würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war, alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, und auch meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, — oder — kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ...