„Wir, Anna? — Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan“, setzte er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.

Magda

Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.

Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte, sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und Schleifen, und um den Stamm — welch holder Einfall eines Kindes! — war eine Girlande von Primeln geschlungen, — ein jungfräulicher Gürtel des Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der Unvergeßlichen.

Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte.

„Sind viel Blumen da?“ hörte er Magda fragen.

„Eine Menge.“

„Voriges Jahr“, erwiderte sie, „waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was mag das bedeuten?“

Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und sagte leise: „Ja, die Menschen sind seltsam.“

Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören.