Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu blättern und zu lesen.
Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:
‚Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde, das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet, und nur aus Miasmen.
Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr schlecht als recht, statt Erfüllung, — warum zum Unheil muß mir ein anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn wohl, ob wider meinen Willen:
Georg, der Trasse,
Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.
Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir hängt? — Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?
Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb, stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe, eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A. die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes, leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos, bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:
Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen