Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen: Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals nachgedacht — hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen Anfang zusammengefaßt hatte ...
„Und dann“, hörte sie die Freundin weitersprechen, „merkte ich eines Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich verdorrte nicht, oh nein!“ sie lächelte glücklich und verloren, „im Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und reich, nur — — ich hatte keine Wurzel mehr.“ Sie brach ab.
Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen, sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? — Oh, Josef war ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig vorfinden lassen wollen, oder auch — es konnte ja fehlschlagen — ihr den Anblick der Enttäuschung ersparen. —
„Ja, wie ist es denn nun?“ hörte sie Ulrika fragen, „Josef kommt also heute?“
„Ich hoffe, er ist schon da.“
„Ja, störe ich dann aber nicht ...“
Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt und dachte — ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne —, wie grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht heftiger selber im Schwanken war.
„Ach, vielleicht“, sagte sie verstört und furchtsam, „ist die Krankheit meines Onkels ja doch unheilbar, und dann — dann wird es gut sein, wenn ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich auch noch mit mir!“
Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und — „ja, ja,“ fiel Renate erleichtert ein, „er war immer ein so weichmütiger Mensch —, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen nimmt, daß er — daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt und nur den einen Gedanken verfolgt ...“
„Wir kennen es“, sagte Ulrika langsam, „ja Alle selber so gut, die Anfänge davon, dies —“ sie schauderte — „oh dies besinnungslose Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang, und — wir sind da!“ schloß sie hastig. Der Wagen hielt.