Eine große Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von Pforta — freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern mußte abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster verköstigt, auch herkömmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58]. Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Mißstände, ein Verhör aller einzelnen Schwestern und schließlich einen oft scharfen Bescheid.
Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins
Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfürsten Ablässe,
wenn auch nur 40tägige, erlangt für Besucher und Wohlthäter des
Klosters, für Anhörung von Predigten und Kniebeugen beim Aveläuten[59].
Der Hauptablaß aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten des Klosters unter dem Namen „Ablaß“ (wie in Bayern „Dult“ = Indulgenz = Ablaß). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu Nimbschen jährlich „Ablaß“ war, mußten fronweise aus jedem Klosterdorf drei Männer kommen und „zur Verhütung von Händeln, bei Tag und Nacht zu besorgend, Wache halten“. Von all diesem Leben und Treiben freilich sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer Klausur aus den Lärm draußen hören konnten[60].
Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die andre Schwester mit; aber freilich an die jüngern Klosterfrauen kam das wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Städchen, oder auch ins ferne Torgau, die kurfürstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das großartige Schloß Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und mußte mit eigenem Geschirr Getreide holen, während die Stadt verschiedene Gebräude Bier selbst bringen mußte. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurück gebracht. Eingekauft wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schöffer Leonhard Koppe, z.B. Tonnen Heringe, Kiepen (Rückkörbe) voll Stockfische, Hechte, Fässer Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkäufe zu Martini, wo „Meine gnädige Frau“, die Aebtissin, mit einer würdigen Jungfrau die Zinsen einnahm, in der Herberge auch einige Groschen „zu vertrinken“ gab und bei Koppe einkaufte und die Rechnung persönlich bezahlte[61].
Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts besonderes Außerordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schönfeld die Jüngsten im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von mütterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Poßin, 1 Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers (Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten sehr zu ihrem Propst, während die Beichtväter verhaßt waren; denn diese, „die 2 Herren an der Pforte“ betrugen sich anspruchsvoll und anmaßend, mischten sich — wohl aus Langerweile — in Dinge, die sie nichts angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschäftskreis des Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so daß gar oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt wider sie und gegen ihre Schützer, die Aebte von Pforta, anrufen mußte[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene Gelegenheit, den Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513 kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein Privilegium an. Weil seine Anstalt nämlich nicht genug Einkünfte besaß, hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, daß allen Wohlthätern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde. Also gab die Domina Aebtissin und ganze löbliche Sammlung des Klosters eine Beisteuer und erhielten dafür einen gedruckten mit dem Namen „Niimitsch“ ausgefüllten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen für seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und aller guten Werke und Ablässe derselben teilhaftig und ihm insbesondere erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder mönchischen Beichtvater Absolution von Sünden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im Leben und im Todesfall, so oft es nötig erschien, erteilen zu lassen. Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthüren geöffnet, durch welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit erlangen konnten.
Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs. Die Klosterdörfer hatten zwölferlei Fronden. Von diesen trotzten die Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht zufrieden, so daß der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen mußte[65].
Das waren die kleinen und kleinlichen Eindrücke und Ereignisse, die in das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora eingreifend, die glatte Oberfläche ihres beschaulichen Daseins leicht kräuselten. Das waren die einförmigen Beschäftigungen, mit denen sie die Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre mühsam hinwegtäuschten. Solche einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die körperliche Kraft eines jungen Menschenkindes zurückhielt, so mußte es auch die aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht nur das äußere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge kurzsichtig. Wenn auch die gähnende Langeweile demjenigen nicht zu Bewußtsein kam, der von nichts anderem wußte, so mußte doch der Geist nach Eindrücken lechzen, so daß das Sprichwort begreiflich wird, welches den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt: „Neugierig wie eine Nonne“. Und die ständige Aufgabe, „das Leben in sich abzutöten“, konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich heißhungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die eigentümliche Lebenskraft des Weibes, das Gemüt hier unbefriedigt[66].
Gewiß die allermeisten dieser adligen Fräulein hatten es äußerlich angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxuriöser als daheim im beschränkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewußtsein hatte, war viel größer als dasjenige, das eine arme Edelfrau draußen in der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die Künstlichkeit all dieser Verhältnisse mußte, wenn auch ohne klares Bewußtsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist drücken.
Nur das eine Gefühl konnte die Nonne über alle Zweifel, alle Entsagung, alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das Bewußtsein, ein gottwohlgefälliges Werk zu thun, sich ein besonderes Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschüttert und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann mußte das ganze Gebäu zusammenstürzen, dann mußte eine gegen sich aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfüllt hatte.
Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verständiger, nüchterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter Schwermut sich unglückselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine verschlossene Welt.