Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus fort aus Wittenberg[329].
Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet war[330].
Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch
Luther.
Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war, wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse, Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie auflesen[331].
Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt, der Teufel hat die Leut besessen mit der rechten Pestilenz, daß sie so schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam, sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott! was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].
Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede Bewegung beobachtet[333].
Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder hergestellt[334].
Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].
Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius, welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“ gehörte[336].
Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber lautet[337]: