Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) Holstein im Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“ Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines „ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“. Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister (Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der „Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde schließlich Jurist[373].

1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens Freund Wolfgang Angst oder Schiefer (Severus), gebürtig aus dem österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I., Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte, er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus. Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“ ausrichten[374].

Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach Wittenberg, Matthesius, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal, der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet mit großer Verehrung von ihr[375].

Und endlich kam noch Goldschmidt (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder.
Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen
Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach
Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn.
Gleichzeitig war Rutfeld da als Famulus und Präzeptor für Luthers
Knaben[376].

In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an
Käthes Tisch, Ferdinand a Mangis, ferner ein M. Plato und andere
Kostgänger[377].

Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].

Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich meinen Willen Euch gern darthun, wo anders Herr Käthe alsdann mir gnädig sein wird.“[379]

Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus- und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus (Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden, ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt waren[382].

Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe „fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu schwerer Sorge werden[383].

Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die „Tischwürze“.